Filme Queer Life

Sommer, Party, Gender Trouble in „Romeos“

5. Dezember 2011

UPDATE: Nach einer ersten rein verbalen Überarbeitung der Begründung folgten weiter laute Protesten, so dass der FSK-Ausschuss schließlich die Alterfreigabe auf 12 herabsetzte. Aber eine gewonnene Schlacht…. Die nächste Queer-Film-Zensur folgt bestimmt.

Seit Donnerstag macht Romeos als Jugendfilm ohne Jugendfreigabe die Runde in der Blogosphäre. Grund dafür ist die Beurteilung der FSK, den Film erst ab 16 Jahren freizugeben, mit der empörenden Begründung:

Der Film zeigt einen leidenden jungen Menschen, der auf seinem Weg der Geschlechtsumwandlung mit seinem Umfeld, mit Vorurteilen und Spott zu kämpfen hat. Damit behandelt der Film ein schwieriges Thema, welches für die Jüngsten der beantragten Altersgruppe, die sich in diesem Alter in ihrer sexuellen Orientierungsphase befinden, sehr belastbar sein könnte. Das Thema selbst ist schon schwierig für 12- bis 13-Jährige und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen. Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken, auch wenn der Film auf der Bildebene nicht schamverletztend ist und niemanden diffamiert. Der Film spiegelt eine verzerrte Realität wider, die Kinder aufgrund keiner oder zu geringer Erfahrungen nicht erkennen können. Für ältere Rezipienten ist die Filmgeschichte einordbar und verkraftbar.

Verständlicherweise ist die Aufregung vieler groß, zahlreiche Vergleiche mit heteronormativen jugendfreien Filmen werden herangezogen. Der LSVD sagt dazu: „Wir sind schockiert, dass die FSK eine Umpolungsrhetorik benutzt, die wir sonst nur aus Kreisen fundamentalistischer Homosexuellenhasser kennen.“ (via) Dabei ist es leider durchaus nicht neu, dass Filme mit schwul-lesbischem Inhalt als „jugendgefährdend“ eingeordnet werden, selbst wenn sie sich wie hier explizit an ein junges Publikum richten. Eine transidente Hauptfigur mag für den Ausschuss selbst kaum „verkraftbar“ gewesen sein, spricht er doch in seinem Urteil fast nur von Homosexuellen. Was die FSK als „verzerrte Realität“ bezeichnet, ist nämlich der gelungene Versuch, Leben und Lieben eines selbstbewussten Transmanns in die Form einer Tragikomödie zu packen. Ohne weitere Energie in die berechtigte FSK-Schelte zu stecken, will ich euch lieber den unterhaltsamen Liebesfilm hinter dem Skandal vorstellen.

Unter den mit Freude erwarteten Highlights der diesjährigen Berlinale war Romeos mein Überraschungshit (der inzwischen auf über 50 internationalen Festivals gezeigt wurde): Mich hat dieser „kleine“ deutsche Jugendfilm sofort mitgerissen. Sabine Bernardis erster Spielfilm wurde co-produziert von Das Kleine Fernsehspiel des ZDF und hat dementsprechend keine großen Kinobilder und -experimente zu bieten. Dafür punktet der Film mit viel Authentizität und einer trotz schwerer Thematik locker erzählten Story.

Als Lukas sein Freiwilliges Soziales Jahr antritt, ist er selbst mit seiner Identität schon weitestgehend im Reinen. Dank Testosteronspritzen und Hanteltraining fühlt er sich in seinem Körper zunehmend wohler. Der Vorname ist bereits von Miriam zu Lukas geändert und die lesbische beste Freundin unterstützt ihn nach Kräften. Wenn da nur nicht der ganze Papierkram und das schmerzhaft schwer begreifende Umfeld wäre. So landet Lukas zunächst im Schwestern- statt im Zivi-Wohnheim, wird von den eigenen Eltern mit falschem Namen angesprochen, von der kleinen Schwester zwangsgeoutet und muss sich ewig dumme Fragen anhören. Von der Freundin in die Kölner Queer-Szene mitgeschleppt, verliebt er sich auch noch in einen Mann, der von allem am besten gar nichts wissen soll…

In der Rolle des Lukas beeindruckt Rick Okon, ein Schauspielstudent der Potsdamer HFF. Im langen Interview mit dem myp-Magazine gesteht der 20jährige:

Ich muss sagen, ich habe das Drehbuch in einem Rutsch durchgelesen – sogar ohne Zigarettenpause. Das ist meine erste richtige Hauptrolle, und ich darf gleich jemanden spielen, der sich in seinem Körper so unwohl fühlt, dass er alles dafür tun würde, nicht mehr in diesem Körper zu sein. Was für eine Herausforderung! […] Es ist aber auch einfach eine unterhaltsame Liebeskomödie mit einem tiefgehenden Problem zwischen den drei Protagonisten Lukas, Fabio und Ine.

Auf den ersten Blick könnte man den Italo-Macho Fabio, die Party-Lesbe Ine und Nebenfiguren wie die plumpem Zivis für Stereotype halten. Doch das macht Sinn: Während manche Klischee-Sätze einfach den harten Alltag der Hauptfigur skizzieren, zeichnet sich im Film auch Kritik an schwullesbischen Kreisen ab. Gerade die anfangs verständnisvollsten Menschen zeigen plötzlich ihre verständnislose oder gar erschreckend transphobe Seite. Dass wahre Freundschaft und erste Liebe solche Abgründe überwinden können, ist schließlich die hoffnungsvolle Message dieser It gets better-Variante.

Während derzeit weiter gegen die gängige Pathologisierung von Transsexuellen (wie sie auch im FSK-Urteil durchklingt) gekämpft wird, drehte Sabine Bernardi im Rahmen ihres Studiums die halbstündige Doku Transfamily, auf der ihre Idee zu dem Spielfilm basiert. Dass sie sich mit der Lebensrealität von transidenten Menschen intensiv auseinandergesetzt hat, ist im Film zu spüren, ohne der sommerlichen Love Story die Leichtigkeit zu nehmen. Nach Erfolgsfilmen wie Boys Don’t Cry ist man ja schon froh, wenn der Transmann nicht gleich umgebracht wird. Umso erfreulicher, dass jetzt ein vom ZDF finanziertes zeitgemäßes Transgender-Porträt in die deutschen Kinos kommt, dessen Protagonist bereits weiß, wer er ist. Ein Film, der auch beim zweiten Gucken begeistert – und dem trotz Altersbeschränkung ein großes Publikum zu wünschen ist!

Bilder und Trailer (c) PRO-FUN MEDIA

„Romeos“ ist ab 8. Dezember in Berlin, Frankfurt a.M., Hamburg, Köln, München, Münster, Dortmund, Düsseldorf, Bochum, Oberhausen, Braunschweig, Wiesbaden und Freiburg i.B. im Kino zu sehen.

Zuvor gibt es am heutigen Montag Previews in Berlin (22:00 Uhr, Kino International, mit Regisseurin Sabine Bernardi) und München (21:15 Uhr, City-Kinos, mit Glühwein und Plätzchen).

2 Comments

  • Reply Vorsicht: Das kann Ihre Tochter schwul machen! | A New Eve 5. Dezember 2011 at 20:15

    […] Sabine Bernardi Kweens, Lesbian Ranting – Popkultur aus Lesbisch vom 5. Dezember 2011: Sommer, Party, Gender Trouble in “Romeos” taz vom 5. Dezember 2011: Dieser Film macht schwul Du&Ich: „Romeos” zu explizit? […]

  • Reply Unbehagen der Geschlechter: Spiel der Stereotype in „Romeos“ | A New Eve 14. Dezember 2011 at 10:20

    […] würde Nadin vom Blog Kweens zustimmen, dass genau die Stereoytpe wie der Macho Fabio, die Lipstick-Lesbian und beste Freundin […]

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