Bücher Kultur

Kommentar zum 26. Treffen Junger Autoren

28. November 2011

Letztes Wochenende waren wir gemeinsam mit ein paar Freundinnen beim 26. Treffen Junger Autoren (ja, es ist nachwievor das generische Maskulinum) im Haus der Berliner Festspiele. Bei diesem staatlichen Förderpreis geht es darum, jedes Jahr die 20 besten deutschsprachigen NachwuchsschriftstellerInnen auszuzeichnen, indem sie zu Workshops, Lesungen und der Entstehung einer Anthologie nach Berlin eingeladen werden. Bei der diesjährigen Lesung von 17 Mädchen und 3 Jungen haben uns einige der Texte schlichtweg schockiert. Zwar waren viele der Erzählungen, Gedichte und Dramentexte sprachlich ansprechend, doch ließ der Inhalt oft absolut keine Begeisterung zu. Da es im Anschluss leider keinerlei Gespräch zu den Texten gab – man wolle die jugendlichen Schreiberlinge vor Publikumsfragen noch beschützen, wie der Intendant der Berliner Festspiele beim Grußwort nahelegte – und auch in der Presse keinerlei Resonanz auf die Veranstaltung zu finden ist, wollen wir hier mit unseren Gedanken zur offenen Diskussion einladen!

Besonders Charly, die die Auszeichnung vor sechs Jahren selbst bekam, macht es sprachlos, in welche Richtung sich dieser Preis entwickelt hat. Aber auch uns anderen Gästen blieb die Spucke weg: Von Anfang an Misogynie in den Texten, wohin man blickte, gerade von den mehrheitlich vertretenen Autorinnen selbst. Dazu ein Brüderchen, das sein frisch geborenes Schwesterchen erst in den Backofen steckt und dann aus dem Fenster wirft. Menschen, die sich kollektiv am Tod eines kranken Mannes erfreuen. Unzählige Klischee-Hausfrauen, einsame Sekretärinnen, unterwürfige Liebhaberinnen, sich selbst als dumm bezeichnende Mädchen… Auf selbstbestimmte Frauenfiguren oder konstruktive Gesellschaftskritik wartete man vergeblich. Was geht in diesen jungen Köpfen vor sich? In was für einer Welt leben die SchriftstellerInnen vor morgen?

Am meisten schockierte uns, dass die Jury den Text einer 15-jährigen für auszeichnungswürdig befand, der die vom Bruder gefilmte Gang-Bang-Vergewaltigung eines jungen Mädchens aus der Sicht eines der brutalen Jungen beschrieb – und zwar in keineswegs kritischer Art und Weise, sondern unter einem reißerischen Blickwinkel, eingebettet in ausschweifende Dorfimpressionen. Was auch immer die junge Autorin, die wir namentlich hier nicht nennen möchten, zu diesem (nicht untalentiert geschriebenen) Text bewogen hat, mag dahingestellt sein. Seit Helene Hegemann und Charlotte Roche wurde längst die Provokation zum literarischen Kriterium du jour erhoben, während die Themen Babymord und sexuelle Belästigung generell beliebte Medienthemen sind. Es stimmte uns allerdings sehr traurig, dass ein vom Bund geförderter Preis einen inhaltlich so widerlichen Text als literarisch ehrungswürdig erachtet und eine Bühne für ihn öffnete. Wir empfanden dagegen unendlichen Ekel.

Ihr jungen, feministischen, wundervollen Autor_innen von 13 bis 20 da draußen, die ihr das hier lest: Macht nächstes Jahr einen Unterschied! Schickt eure kritischen Texte ein! Wir werden euch noch einmal daran erinnern und dann drücken wir die Daumen, dass die Jury nächstes Jahr nicht (wieder) auf beiden Augen blind sein wird.

1 Kommentar

  • Reply Mädchenmannschaft » Blog Archive » Kweens, Klangfarben und Katholiken – die Blogschau 3. Dezember 2011 at 11:01

    […] Blogschau von Anna-Sarah Dieser Text ist Teil 136 von 136 der Serie Genderissimi: Die BlogschauDie Kweens waren beim “26. Treffen junger Autoren” (bemerkenswerter Titel übrigens, bei einem Mädchen-Jungen-Verhältnis von 17 zu 3) und waren […]

  • Schreibe einen Kommentar