Bücher Queer Life

Geschichten vom ersten Mal: „So zarte Lippen, so weiche Haut“

30. Oktober 2011

Eigentlich war mir schon beim Titel des Buches irgendwie klar, dass ich nicht zur Zielgruppe von So zarte Lippen, so weiche Haut gehöre. Dieser Gedanke wurde gleich im Vorwort bestätigt, in dem die geneigte Leserin mehrfach darauf hingewiesen wird, dass Homosexuelle ganz normale Menschen sind, dass eine Erfahrung mit einer Frau niemanden gleich lesbisch macht und dass ein Outing eine ganz, ganz tolle und mutige Sache ist, die bewundert werden sollte. So weit, so gut, mein Ego war schon einmal gekrault.

Die darauf folgenden zwölf Geschichten von zwölf unterschiedlichen Frauen diversen Alters, halten genau das, was der Untertitel verspricht: Frauen erzählen von ihrem ersten erotischen Erlebnis mit einer Frau. Als eine Lesbe Mitte 20, die seit fast 10 Jahren geoutet ist, sind mir solche Erzählungen ja alles andere als neu. Ich hatte mein erstes solches Erlebnis vor etlichen Jahren und Geschichten dieser Art, wurden mir in meinem Bekanntenkreis schon oftmals erzählt. Trotzdem schaffte das Buch es, mich mit seinen kleinen Storys am Ball zu halten. Auf die ersten bekannten Geschichten von Frauen, die von ihrem ersten Mal völlig umgehauen wurden und danach teilweise sogar erkennen, dass sie lesbisch sind, folgen Storys, die man so nicht aller Tage liest.

Eine Frau erlebt ihr erstes Mal mit einer anderen Frau mit Ende 50; eine andere hat einen ausgeprägten Haarfetisch (den sie auch auslebt); die nächste hat ihr erstes Mal mit einer Frau in einem SM-Swinger-Club; eine weitere wärmt sich für ihr erstes Mal erstmal mit Cybersex auf und wieder eine andere hat ein erotisches Erlebnis mit einer Schuhverkäuferin im Laden. Am meisten gefreut hat mich allerdings, dass lesbischer Sex nicht ausnahmlos als großartig dargestellt wird, sondern als realistisch. Sex mit einer Frau ist nicht immer fantastisch und weltbewegend, er kann auch anders sein, nämlich (furchtbar) schlecht.

Diese Seiten mit ungewöhnlichem Blickwinkel haben mich So zarte Lippen So weiche Haut gerne lesen lassen. Die Geschichten sind erotisch ohne kitschig oder gar eklig zu sein und die Erzählweise ist bewusst so gehalten, dass man ab und an das Gefühl hat, im Kreise von ein paar Freundinnen zu sitzen. Kein Porno, keine flappsig gewählten Wörter für Körperregionen. Nur die gelegentlichen Tippfehler, die beim Lektorat anscheinend übersehen wurden, fallen einer Leserin wie mir negativ auf.

Die tatsächliche Zielgruppe: Frauen, die gerne mit einer Frau schlafen wollen, aber den nötigen Ansporn brauchen oder kurz vor ihrem Outing stehen und nie Sex mit einer Frau hatten. Die werden sich vermutlich schon vom leicht blumigen Titel angesprochen fühlen. Für sie hat der Verlag ein wirklich schönes Buch herausgebracht. Für alle anderen ist das Buch eine nette, leicht erotische Lektüre, passend zum Sonntagnachmittag – auch wenn das erste Mal mit einer Frau schon etwas länger zurück liegen sollte.

Andrea Burri / Prisca Hintermann:
So zarte Lippen, so weiche Haut
Frauen erzählen von ihrem ersten erotischen Erlebnis mit einer Frau,

aus der Reihe EXPLIZIT bei Schwarzkopf & Schwarzkopf 2010,
broschiert, 208 Seiten, €9,90

Autorinnen-Biographien von der Schwarzkopf&Schwarzkopf Seite:

Andrea Burru, geboren 1980 in der Schweiz, lebt und arbeitet in London und Zürich. So zarte Lippen, so weiche Haut ist die zweite Veröffentlichung der studierten Psychologin und Genetikerin, die mit Studien zur menschlichen Sexualität für Aufsehen sorgte.

Prisca Hintermann, Jahrgang 1977, arbeitet als Informatikerin und lebt in der Schweiz. So zarte Lippen, so weiche Haut, ist ihr erstes Buch.

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