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Schön? Stark? Frei? Elke Amberg sucht in Zeitungen nach Lesben

11. Oktober 2011

Die Presse setzt homosexuell doch immer mit schwul gleich! Lesben werden höchstens pro forma genannt und wenn es doch mal eine in die Zeitung schafft, ist sie entweder berühmt oder eine Kriminelle! – Solche eher subjektiven Eindrücke waren der Ausgangspunkt, als die Münchner Lesbenberatungsstelle LeTRa beschloss, die verzerrte mediale (Nicht-)Thematisierung von lesbischen Frauen mit Zahlen belegen zu wollen. In ihrem Auftrag untersuchte nun die Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amberg Tageszeitungen nach Häufigkeit, Themen und Stereotypen der Darstellung von Lesben.

Macht die per Photoshop ergänzte Kippe das Bild jetzt lesbischer?!

Fragt man Leute auf der Straße nach prominenten Homosexuellen, nennen sie in der Regel schwule Männer.

„Mehr Rechte für Schwule“ – eine typische Schlagzeile zur Gleichstellungspolitik. Doch in diesem Fall lässt das AZ-Magazin zum Thema Adoptionsrecht homosexueller Paare nicht nur die betroffenen Frauen unerwähnt, sondern verfehlt die eigentliche Thematik: Denn 93% der deutschen „Regenbogenfamilien“ sind lesbische Paare mit Kindern!

Solche Beispiele zur Unsichtbarmachung von Lesben fand Amberg viele in den 81 analysierten Artikeln. Für ihre Studie sammelte sie 2009 ein halbes Jahr lang alle LGBT-relevanten Beiträge aus vier Münchner Zeitungen, von Boulevard bis seriös, von eher linksliberal bis konservativ. Vorwiegend wurde anlässlich des CSDs und der Diskussion über Gleichstellungspolitik berichtet. Amberg machte sich daran den Anteil der erwähnten, im Bild gezeigten oder sogar zu Wort kommenden Lesben im Verhältnis zu den vorkommenden Schwulen auszuzählen. Dazu betrachtet sie die Wortwahl in Überschriften, Bildunterschriften und Text.

Im Buch nimmt, dem wissenschaftlichen Anspruch entsprechend, das Erläutern der Methodik viel Raum ein. Unzählige Kreis- und Balkendiagramme visualisieren die Zwischenergebnisse. Aber auch einige der untersuchten Artikel sind abgedruckt, so dass die Leserin viele Beobachtungen direkt nachvollziehen kann. Und das Fazit ist größtenteils ernüchternd: Lesben kommen in den meisten Artikeln, die Homosexuelles zentral oder am Rande thematisieren, gar nicht vor. Manchmal findet sich ein formelhaftes „schwul-lesbisch“ oder „Schwule und Lesben“. In der Headline wurden sie hier nirgends explizit benannt. Besonders in der CSD-Berichterstattung, die das schwule „Wir-Gefühl“ feiert, werden Lesben bis zur Unsichtbarkeit marginalisiert.

Lesben werden in der Presse nicht benannt, sie kommen als gesellschaftliche Gruppe also nicht vor.

Überraschend fand ich die Beobachtung, dass Lesben offenbar am ehesten als Mütter dargestellt werden (was vielleicht mit dem gerade viel diskutierten Adoptionsthema zusammenhängt). Geoutete Promis werden auch gern gezeigt – wenn sie feminin und „normal“ sind, wie Ramona Leiß in mehreren Artikeln. Außerdem macht Ambergs Analyse darauf aufmerksam, dass (lesbische) Frauen häufig wie Kinder nur mit Vornamen und Alter benannt werden, während (schwule) Männer in den Artikel mit vollständigem Namen und Beruf und als Handelnde vorgestellt werden. Traurigerweise gelten die Ergebnisse durchaus nicht nur in Artikeln von männlichen Journalisten. Selbst lesbische Journalistinnen berichten davon, einschlägige Themen aus Angst vor Stigmatisierung zu vermeiden.

Der Begriff „lesbisch“ ist in den Medien offenbar noch stark tabuisiert.

So bestätigt sich der allgemeine Eindruck, dass die Erwähnung von Lesben in den Mainstream-Medien extrem selten ist und die wenigen Beispiele wenig mit der Realität zu tun haben. Immerhin verweist Amberg in ihren Nachwort darauf, dass mit der Fußball-WM der Frauen dieses Jahr viel Wind in die Medien kam und Nachrichtenagenturen tatsächlich lesbische Schlagzeilen in diverse Zeitungen brachten. Ambergs Buch endet mit einem kleinen Plädoyer, das aufzählt, warum Lesben ein Thema sein sollten.

Nicht zuletzt liefert diese Studie unsereins ein starkes Argument, auch neben der Auseinandersetzung mit Queer Theory und dem Traum von einer post-gender-Gesellschaft weiterhin im Namen von „Lesben“ zu schreiben. Wir müssen uns dagegen wehren, dass „queer“ dort zum Einheitsbegriff wird, wo schon mit „homosexuell“ doch generell „schwul“ gemeint war. Solange ein Großteil der Menschen das „L-Wort“ gar nicht aussprechen mag und sich auch keine rechte Vorstellung von Lesben machen kann, hat das unbeliebte Label weiterhin eine unbedingte politische Relevanz.

Elke Amberg: Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in den Medien (nicht) dargestellt werden. Ulrike Helmer Verlag 2011, 245 Seiten, Paperback, 20 Euro.

Zitate aus einem Interview von Elke Amberg mit der taz.

5 Comments

  • Reply Naibsel 11. Oktober 2011 at 21:44

    Vielen Dank für den Post! Hat auf jeden Fall mein Interesse geweckt. 😉

  • Reply mona 30. Januar 2012 at 16:03

    Sind wir Frauen nicht selber Mitschuld an diesem Problem der Unsichtbarkeit. Viele bewegen sich nur in der Szene habe keine hetero Freunde. Sie sind nicht gewillt sich mit den Leuten auseinander zu setzen und das Bild des Mannweibs oder der Frau die nur lesbisch ist weil sie keinen Mann findet zu wiederlegen.

    • Reply Nadin 30. Januar 2012 at 17:25

      Glaubst du das wirklich? Ich kenne solche Menschen, die du als „wir Frauen“ beschreibst, offenbar nicht. Auf mich trifft ganz sicher keiner der genannten Punkte zu.
      Und selbst wenn manche Lesben dem Klischee entsprechen, (aus schlechten Erfahrungen?) keine Hetero-Freunde wollen und sich in der Szene „verstecken“, ist das noch lange keine Begründung dafür, Lesben medial totzuschweigen!

  • Reply buchblog » Blog Archive » Neue Bücher 15. September 2012 at 20:06

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  • Reply books » Blog Archive » Neue Bücher 17. September 2012 at 16:40

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