Filme Queer Life

Beziehungskrise im Eastend: „Break My Fall“

10. Oktober 2011

Kat Redstone und Sophie Anderson (Photo by Cynthia Vanzella)

Aktuell im Kino kann gerade Gigola als unkonventionelles Lesbendrama überraschen. Auch Break My Fall, der jetzt ins Home-Kino kommt, fällt aus den bekannten Mustern der Coming-Out-, Babywunsch- und Romantik-Geschichten, die uns recht regelmäßig vorgesetzt werden. Stil und Story sind in diesem Fall allerdings völlig anders gelagert als bei dem ästhetisierten Kostümfilm Gigola

Als Regisseurin, Autorin und Produzentin liefert Kanchi Wichmann hier eine schöne authentische Underground-Geschichte. Sie erzählt vom Punk-Musikerinnenpaar Liza (Kat Redstone) und Sally (Sophie Anderson), das zusammen im Londoner Eastend lebt – und leidet. Denn so richtig gut läuft es bei den beiden längst nicht mehr. Liza misstraut Sally immer mehr, nachdem diese Post von ihrer Ex aus Berlin bekommt. Mit ihrem Leben zwischen prekären Jobs und unbezahlten Rechnungen unzufrieden machen sie sich gegenseitig ständig Vorwürfe. Der Sex artet zum schmerzhaften Kampf aus. Und selbst bei der Band ist die Luft raus. Auch ihre beiden besten Freunde, die ihre einzigen engeren Bezugspersonen zu sein scheinen, haben es nicht leicht. Der eine wird als schwuler Kumpel und Bandmitglied (Collin Clay Chace) von den Frauen abwechselnd vereinnahmt; der andere ist ein frustrierter Stricher (Kai Brandon Ly), der eigentlich in Sally verliebt ist. In einer schönen nächtlichen Szene schauen die beiden Jungs vom Dach auf die Stadt und träumen von einem „normalen Leben“:

There’s a whole other world out there, a whole other world of people who go to bed at night and get up in the morning.

Im Interview berichtet Wichmann, dass der Film oft die falschen Erwartungen weckt und beim (unvoreingenommeneren) nicht-lesbischen Publikum besser ankommt als bei Frauen, die sich hier weniger an „cooles“ Szene-Leben als an ihre eigene letzte Trennung erinnert fühlen.

My whole point was to write about two women isolated from the scene, who don’t feel that they fit in or belong to it. … The best feedback I’ve had is from people who’ve felt that there’s an emotional authenticity to the film; that you’re seeing women you don’t ordinarily see in British cinema. So I hope that people will appreciate the art and naturalism of it, feel an emotional connection with it and not expect it to be some queer-punk version of the L Word.

Trotz Finanzierungsschwierigkeiten setzte Wichmann den Film ganz nach ihren Vorstellungen um und porträtierte eine Welt, die ihr selbst genauso nahe steht wie ihren Darstellerinnen. Die beeindruckende Kat Redstone ist Bühnenschauspielerin und spielt selbst in einer Band. Auch Sophie Anderson als trotziger Gegenpart ist über gemeinsame Bekannte zu dem Projekt gestoßen. Die porträtierte Underground-Szene will Wichmann mit ihrem dokumentarischen Blick auch ein Stück weit konservieren. Wir sehen heruntergekommene Wohnungen, Clubs, winzige Cafés und kleine Läden, bekommen aber auch Einblick in die Welt einer butchen, koksenden, bi-phoben Architektin. Mit einer sehr direkten Erzählweise schafft die Filmemacherin es, ihre Figuren in nur wenigen erzählten Tagen komplex und verständlich zu machen, ohne auf Rückblenden, Off-Kommentare oder andere konventionelle Mittel zurückzugreifen. Das Produkt ist alles andere als glatt oder perfekt, sondern ehrlich, oft irritierend, manchmal süß und vor allem zu Herzen gehend traurig. Und oben drauf gibt es einen starken Punk-Soundtrack.

Break My Fall ist seit Ende September auf DVD bei Pro-Fun Media erhältlich: Englische Originalfassung mit optionalen deutschen Untertiteln, FSK 16, 105 Minuten.

Alle Filmstills und Trailer © by PRO-FUN MEDIA.
Porträt der Hauptdarstellerinnen (ganz oben) von Cynthia Vanzella.

1 Kommentar

  • Reply MelinaWood 11. Oktober 2011 at 23:23

    Der Trailer ist der Hammer! Irgendwie gibts in meiner Stadt (Braunschweig) kein einziges Kino, dass HomoFilme zeigt :/ Und alle kaufen geht ja auch nicht… Die Welt braucht mehr HomoKinos!

  • Schreibe einen Kommentar