Jugendbuch: Junkgirl von Anna Kuschnarowa

Alissa ist 15, als sie der ein paar Jahre älteren Tara das erste Mal in der Schule begegnet. Für sie, die in einem streng christlichen Haushalt aufgewachsen ist, wirkt die im Goth-Stil gekleidete Tara wie ein schwarzer Engel. Die beiden Mädchen freunden sich an und wie nebenbei verlieben sie sich und werden ein Paar. Tara ermutigt Alissa sich mehr von ihren Eltern zu distanzieren, die Welt da draußen kennen zu lernen. Da Alissa keine Welt ohne Tara möchte, sucht sie sich die ihrer Freundin aus. Als ihre Eltern schließlich mit dem Internat drohen, reißt Alissa aus und wird vollends in das Leben ihrer großen Liebe, der Queen of Shore gezogen. Eine Leben, das zuerst von Partys, Drogen und Abstürzen in Berlin-Kreuzberg dominiert wird und später nur noch von einem: Heroin. Aus Alissa wird Alice.

Die Geschichte um Alissa und Tara ist tragisch und faszinierend zugleich. Was zuerst als einziger Rausch beginnt, wird auch für den/die LeserIn schnell zum Albtraum. Da das Buch als Jugendbuch eingestuft wurde, werden viele Dinge nicht explizit beschrieben, zum Beispiel die Phase, in der sich beide für den Drogenkauf prostituieren. Der wahre Horror geht hier erst im Kopf der Leser_in los. Trotzdem wird alles andere gnadenlos abgebildet: die Abstürze, der körperliche Verfall, die kalten Entzüge und die Verwahrlosung. Erzählt wird die Geschichte aus Alissas Perspektive, Jahre später, nach einem Entzug, in einem Brandenburger Internat. In ihrem Kopf ist immer noch Alice, die weiterhin nach Drogen schreit, eine Art zweite Persönlichkeit. Zwischendurch führen Alice und Alissa, typographisch abgehoben, immer wieder Zwiegespräch, diskutieren, blicken zusammen zurück, auf das was da passiert ist. Vor allem mit Tara.

Junkgirl ist seit langem mal wieder ein Buch, das mich, nachdem ich es aus der Hand gelegt habe, noch einige Zeit beschäftigt hat. Es liest sich gut, reißt einen mit in diese düstere Welt, die in einer Stadt wie Berlin an jeder Straßenecke zu lauern scheint. Manchmal fragt man sich sogar, ob die Autorin selbst dieses Mädchen war. Sie war es nicht und auch das spricht für dieses Buch. Die gewählten Locations gibt es alle wirklich in der Stadt, was für mich ein weiterer Bonus ist. Jugendliteratur würde ich das Buch höchstens wegen der gewählten Sprache nennen, denn das Thema wiegt schwer. So lege ich diesen Roman allen ans Herz. Er tut weh und macht nachdenklich – und ist eine wahre, kleine Perle.


Junkgirl
von Anna Kuschnarowa

Erschienen bei: Gulliver / Beltz Verlag 2011
Broschiert, 222 Seiten, 12,95 Euro

Leseprobe

Anna Kuschnarowa, die auch Fotografin ist, schreibt sonst Gothic- und Krimi-Geschichten für junge Leute und derzeit an ihrer Dissertation zum Thema Konstruktionen von Männlich- und Weiblichkeit(en) in den altägyptischen Liebesliedern.


Tags: , , , ,

One Response to “Jugendbuch: Junkgirl von Anna Kuschnarowa”

  1. Arina 7. Oktober 2011 at 11:09 #

    Ich erinnere mich daran, dass ich im Zug, während einer 10-stündigen Fahrt wirklich schwer an mich halten musste, um nicht zu weinen (was nicht geklappt hat), als ich das Buch fertig hatte.

Einen Kommentar schreiben

Social Widgets powered by AB-WebLog.com.