Filme Queer Life

Transen, Huren, Femmes, Garçonnes in „Gigola“

23. September 2011

Rauchende Frauen, trinkende Frauen, käufliche Frauen, Frauen beim generationen-übergreifenden Sex, expliziter Striptease: schon rein visuell präsentiert dieser Film so einige Schlüsselreize. Dazu eine hohe Butch-Quote und wahrhaftige Dramen. Das alles im dekadenten Paris der frühen 60er Jahre. Und doch wäre dieser Stoff fast für immer unter Verschluss geblieben.

Als Laure Charpentier ihren Roman Gigola 1972 in Frankreich veröffentlicht, wird er kurz darauf verboten (und erst 2002 wieder aufgelegt). Die Schriftstellerin schließt daraus, es gebe eben kein Publikum für diese radikale Geschichte und legt das Buch drei Jahrzehnte zur Seite. Erst als die Idee einer Verfilmung der Fortsetzung ins Gespräch kommt, wird auch Gigola wieder ausgegraben. Es beginnt die Suche nach jemandem, der die Regie übernehmen könnte. Acht gekündigte Regisseur_innen später (darunter Volker Schlöndorff) übernimmt Charpentier selbst den Job und kann in ihrem Filmdebüt nun endlich alles ganz nach Skript umsetzen, man könnte auch sagen: nach dem wahren Leben.

‘Ninety per cent of the film is my life. A little interpretation from time to time, but 90 per cent at least. If it had not been my life it would have been easier for the other directors. I didn’t want to take my story and put their story on mine.’

Die Regisseurin

Der Filmtitel verspricht nicht zuviel: Wir begegnen einer androgynen Schönheit in mondäner Ausstattung, mit Anzug, Monokel und Schmuck-Gehstock. Anfangs noch die fröhliche, ihre Direktorin verehrende Schülerin – ein überdeutlicher Verweis auf all die Mädchen-in-Uniform-Geschichten – , wird George (Lou Doillon) im Pariser Viertel Pigalle zum weiblichen Gigolo. Sie lebt ein Leben, das ihr der Spitzname „Gigola“ vorzeichnete, zu dem ihre Lehrerin sie beim Abschneiden der langen Haare scherzhaft anregte. Als Star einer verruchten Halbwelt, heute würde man Subkultur sagen, benimmt sich Gigola hart und energisch, wie es von einem Mann dieser Zeit erwartet wurde. Frauen würden hier nicht zum Tanz auffordern, weist sie, am Tresen sitzend, eine junge Lady barsch zurück. Auch zur deutlich älteren Odette, die Gigola ihre sexuellen Dienste reichlich vergüten wird, muss der Kontakt von der jungen Butch ausgehen. Und diese wird es auch sein, die das Verhältnis grausam beendet.

Die reiche Odette (Almodovar-Göttin Marisa Peredes)

Das verdiente Geld „investiert“ Gigola in eine junge Hostess (Marie Kremer), die sie von einem italienischen Zuhälter freikauft, neu ausstattet und für sich arbeiten lässt. Sie kümmert sich auch um eine alternde Hure, die der Verlust ihres Kindes den Verstand gekostet hat, und versucht ihre Mutter (Marisa Berenson) vor der Ausbeutung durch den opiumsüchtigen Vater zu beschützen. Dass sie diesem verhassten Menschen doch so ähnlich ist, treibt George (fast) in den Selbstmord. Im Krankenhaus erwacht sie neben der Doppelgängerin ihrer zu früh verstorbenen ersten Liebe. Angeregt von der Psychiaterin versucht Gigola ihr Leben zu ändern… Wie die Geschichte weitergeht, kann man hier nachlesen. Doch viel schöner und kitschiger ist es natürlich, all die Dramatik im Film mitzuerleben. Und sei es nur für den Augenaufschlag der Hauptdarstellerin.  Diese ist übrigens auch Model sowie Tochter von Jacques Doillon und Jane Birkin, also Charlotte Gainsbourgs Halbschwester.

(Lou Doillon, Marie Kremer)

Charpentier scheut sich nicht vor ein wenig Pulp (oder auch ein wenig mehr Pulp). Die Musik erinnert an die sprichwörtlichen Fahrstühle, man könnte auch höflich environmental music sagen. Das passt ja irgendwie zu den gelegentlichen Soft-Porn-Szenen und zur generellen Sexyness des Films. Viele der Charaktere sind eher Typologien denn lebendige Personen, was sich teils aus der stark hervorgehoben Butch-Femme-Rollenverteilung erklärt. Selbst die Hauptfigur bleibt so psychologisch oft unverständlich. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Nachzeichnen einer fast vergessenen Welt, in der mit Lebensentwürfen, wie man sie heute kaum mehr kennt, radikaler rebelliert wurde, als das hier und heute denkbar ist. Dabei ist der ganze Film geprägt von einer wehmütigen Nostalgie, der Erinnerung an eine nächtliche Subkultur voller Eleganz, Stil und Etikette. Paris als sentimentaler Sehnsuchtsort.

‘Paris is finished! There is no elegance. There are no more cabarets. It’s finished! There is no feast. The real feast of the 1960s has finished. There’s nothing special, nothing original anymore.’

Zitate von Laure Charpentier aus dem Interview auf SoSoGay.

 

Rossy De Palma (auch durch Almodovar bekannt) singt den Gigola-Chanson

Gigola wird in der L-Filmnacht-Reihe vom 26. bis 30.09.11 deutschlandweit gezeigt. Der allgemeine Kinostart ist am 6.10.11.


 
Alle Bilder und Trailer © PRO-FUN MEDIA.

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