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Magazines to discover: Girls Like Us

8. September 2011

Seit Monaten hat es keinen Beitrag in dieser Rubrik mehr gegeben. Das liegt zum Glück nicht daran, dass es keine spannenden Magazine mehr gäbe. Und doch waren zuletzt der Abschied vom etablierten VenusZine und die (noch nicht überwundene) existielle Krise des Gazelle-Mags nur Beispiele eines Wandels im Zeitschriftenmarkt. Hier schlagen sich sowohl wirtschaftliche Verschiebungen nieder als auch die Tatsache, dass Leute wie wir, also Blogs und Online-Magazine, dem Print-Bereich zunehmend Konkurrenz machen. Daraus können Magazinmacher_innen die Konsequenz ziehen, auschließlich auf digital umzustellen (Beispiel Wearsthetrousers) – oder nur noch so oft zu publizieren, wie es eben geht, sich dafür aber alle kreativen Freiheiten zu gönnen.

Letzteres trifft auf das alternative lesbisch-queere Magazin Girls Like Us (GLU) zu. Mit dem Anspruch ein Gegengewicht zur „vanilla representation of contemporary lesbian culture“ zu bieten, gründeten Jessica Gysel und Kathrin Hero den Titel 2005 in Amsterdam. Die völlig unabhängigen Macherinnen fragten sich angesichts der medialen Lesbenbilder: „where’s the fun, the wink, the subversiveness and the class?“. Um dem Ideal näher zu kommen, haben Gysel und ihre neue Mitstreiterin Vela Arbutina vor zwei Ausgaben einen klaren Schnitt gemacht. Statt der einst sehr poppigen Ausrichtung im bunten Kleinformat…

Peaches, Kim Ann Foxman und ein lesbisches Paar auf den Covern der Volume 1

…gibt es nun ein dickes, freizügigen A4-Heft, dessen gläzendes Cover kaum etwas über den Inhalt verrät. Zwar steht groß „Girls“ drauf, doch wird die Zielgruppe nicht vorschnell verraten. Das Inhaltsverzeichnis ist eine schlichte Liste wenig bekannter Namen; auf Untertitel, Bildunterschriften und Vortexte wird weitestgehend verzichtet. Wer die 8 Euro hinlegt, kann hier garantiert das Unerwartete erwarten. Hier werden kreative Lesben aller Kunst-, Denk- und Lebensweisen in Interviews, Gesprächen, Geschichten und Bildern portraitiert. Issue 1 der jetzigen Volume 2 (siehe ganz oben) featurete die noch halbwegs bekannte Musikerin Melissa Lidauvais von Telepathe – allerdings war ihr Gesicht auf keinem der Bilder richtig zu erkennen und ihr Abbild wohl kaum ein vergleichbarer Kaufanreiz wie damalige Beth Ditto- oder Peaches-Ausgaben. Mit dem aktuellen Titelbild verkauft man sich nun konsequent als Kunstmagazin. Mal mehrfarbig, meist monochrom in wechselnden Farbtönen auf grobem Papier liegt GLU zwischen Fanzine und Kulturblatt. Und das bei einer Auflage von immerhin 5000 Stück.

Die neue Ausgabe liefert spannende Doppelportraits noch zu entdeckender Frauen verschiedener künstlerischer Gattungen: von vieldeutig inszenierten Stillleben (von Vava Dudu) über die Teenie-Modebloggerin Tavi Gevinson (im Gespräch mit der Fashion-Journalistin Diane Pernet) bis zu den aktivistischen Filmemacherinnen Leilah Weinraub und Anie Stanley. Auch Musik ist wieder vertreten: Vom Duo Flax & Dillard aka Creep wird man hier nicht zum letzten Mal gelesen haben. Zudem gibt es eine Hommage von Eline McGeorge an Virginia Woolfs „Room of One’s Own“. Zum Abschluss begeistern Andrea Ferrer (Schaut sie euch an!) und ein Essay von Devrim Bayar über eine von der Kunst geprägte Sicht auf den Alltag. Wer will, hat dann ganz zeitgemäß alle Links auf einen Blick und kann sich die Innenseiten des Umschlags als A3-Fotoserie von Lesbos-Landschaften an die Wand hängen. Fanposter und T-Shirts kann man auf der kürzlich relaunchten Website finden, daneben auch den Kontakt für ein Abo und ein Liste weltweites Verkaufstellen. Tatsächlich hat es GLU sogar schon ins Museum geschafft: Das niederländische Vijzelstraatmuseum füllte im August anlässlich des Amsterdam Gay Pride gleich zwei große Schaukästen mit Bildern und Fotografien aus dem Magazin.

Girls Like Us talks about what makes it difficult to be a musician, what makes it exciting to be a film maker, why someone sticks to be a blogger, why a lesbian doesn’t want to talk bout being lesbian or about straight women wanting to be lesbians.

Solch eine Selbstbeschreibung macht klar, dass bei aller Ästhetik und künstlerischer Freiheit eindeutig Inhalt und Zeitgeist das Entscheidende bleiben. Eine Konzept das man einfach unterstützen muss! Denn mal ehrlich: Wie viele unabhängige Magazine (re)präsentieren sonst schon spannende, kreative, visionäre Frauen für ein weiblich-lesbisch-queeres Publikum?! Da fällt mir eigentlich nur noch das Bend Over Mag ein…

Die Künstlerinnen Keren Cytter und Dafna Maimon aus Issue 2



http://www.wearsthetrousers.com/I

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