Filme Queer Life

Teenie(alb)traum: Lollipop Monster

25. August 2011

Der Mädchenfilm, den wir nie hatten!

Ziska Riemanns Debütfilm Lollipop Monster, der auf der Berlinale sofort meine Aufmerksamkeit erregte, eröffnet mit einem blauschwarzen Gothic-Videoclip. Das ist nicht jedermans Sache wie überhaupt der ganze Soundtrack des Films. Alexander Hacke hat zu einem Drehbuch von Ziska und Lucy van Org die Musik der erfundenen Band Tier geschrieben. Da wirds düster. Das Schwarze und Depressive ist aber nur eine Seite der Geschichte. Demgegenüber steht das Bonbonfarbene, Grelle, aufgesetzt Fröhliche. Hier trifft ein Emomädchen auf eine erwachende Lolita. Oona (Sarah Horváth) und Ari (Jella Haase) könnten, zumindest auf den ersten Blick, unterschiedlicher nicht sein. Doch sind sie beide Spiegelbilder ihrer dysfunktionalen Elternhäuser. Oonas Künstlersippe wohnt in einer komplett farblosen Altbauwohnung. Der Vater stellt seit Jahren dasselbe Bild aus, hat jede Lebenslust ebenso wie den Bezug zu seiner einfühlslosen Frau (Nicolette Krebitz) verloren. Ari dagegen lebt im Häuschen ihrer bunten Bilderbuchfamilie. Ihr soziopathischer älterer Bruder wird von der Mutter (Sandra „Rosalie“ Borgmann aus „Berlin Berlin“) über die Maßen beschützt. Die Harmoniesucht wird hier zur totalen Farce.

Wir lernen: Es ist ebenso unmöglich gegen eine völlig ingnorante wie gegen eine konfliktunfähige Mutter zu rebellieren. Oona richtet ihren Weltschmerz auf sich selbst. Ari erlebt ihre erotische Wirkung auf Jungs, Männer und Frauen, aber wenig Zärtlichkeit. Während die Mädchen sich in dieser überzeichneten Comicfilmwelt durch ihre Pubertät quälen, entwickeln sie eine dramatische Freundschaft in der Tradition der Heavenly Creatures. Letztlich üben auch sie brutale Rache an der verständnislosen, berechnenden Erwachsenenwelt, personifiziert durch Oonas egozentrischen Onkel.

Was den Film  so einmalig macht, ist die Fülle an Ideen, mit denen das Teenager-Innenleben zur plastischen Collage wird. Mal ist es ein glitzernder Apfel, der vor nervenden Mitschülern rettet. Mal sind es eingeblendete Kohlezeichnungen, die tiefe Verstörtheit deutlich machen. Oder auch mal ein schrilles Anti-Barbie-Lied, das das Ende der Kindheit markiert. Die wenigen glücklichen Momente bekommen durch Super 8-Aufnahmen einen romantischen Charme. Und am Ende fallen Kirschblüten auf eine Wiese, über die ein Kaninchen hüpft.

Die Comiczeichnerin und Autorin Ziska Riemann hat zwei Jugendgeschichten (von ihr und ihrer Freundin Lucy von Org) zu einer überbordenden Tragödie verarbeitet, die von Generationskonflikten, sexueller Selbstfindung und vor allem von besten Freundinnen handelt. Gern hätte man diesen Film selbst als Fünfzehnjährige gesehen. Man hätte gemerkt, dass endlich jemand all die Peinlichkeit und das Bedrückende dieser Jahre versteht und gleichzeitig mit exzentrischen Kostümen und Dekorationen erträglich macht. Und man hätte sich vielleicht mangels eigener BFF in eine extreme Freundschaft hineinträumen können. Nur die Musik hätte auch damals gespalten.

Der Film startet am 25.8. in den deutschen Kinos.

Alle Film Stills, Trailer und Plakat (c) Edition Salzgeber.

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar