Filme Pyjama-Party Queer Life

Pyjama-Party: Komödien von Jamie Babbit

29. Juli 2011

Was haben wir uns in den vergangenen Jahren als „professionelle Lesben“ nicht schon alles angesehen: Verdiente Kino-Klassiker und schwer verdauliche Kost, trashige Romanzen und liebevolle No-Budget-Perlen, Hollywoodschinken mit Subtext und Kurzfilme mit Untertiteln. In unserer neuen Pyjama-Party-Kolumne wollen wir von jetzt an sehenswerte Filme vorstellen, die alt oder neu, bahnbrechend oder einfach unterhaltsam sind. Damit der Abend mit zwei bis drei zusammen passenden Feature Films auch wirklich perfekt wird, versuchen wir nur Filme auszuwählen, die halbwegs problemlos auf DVD erhältlich sind. Beim ersten Mal wird es gleich bunt und lustig mit den lesbisch-feministischen Komödien der Filmemacherin Jamie Babbit.

Nach einer Schauspielkarriere in den Teenagerjahren ist Jamie Babbit inzwischen als beschäftigte TV-Regisseurin an einigen meiner liebsten Serien beteiligt gewesen: United States of Tara, Gilmore Girls, natürlich bei The L Word und selbst für Gossip Girl und Pretty Little Liars hat sie gedreht. Doch wofür wir sie vor allem lieben, sind ihre extrem unterhaltsamen kurzen und auch langen Lesbenfilme. Mit ihrer Lebensgefährtin Andrea Sperling, der Produzentin von D.E.B.S. sowie den meisten Filmen Babbits und Gregg Arakis, hat sie übrigens drei Kinder. Klingt nach einem rundum erfolgreichen Leben. Doch kommen wir zu den Filmen.

Einen Jamie Babbit-Filmabend müsste man eigentlich mit Sleeping Beauties (1997) beginnen, ihrem preisgekrönten 13-minütigen Anti-Märchen, das Clea DuVall, Radha Mitchell und Leisha Hailey vereint. Da der Film aber nur in sehr schlechter Qualität zu finden ist, ebenso wie der spätere Short A Memoir To My Former Self (2004), ein Highschool-Film mit dem unschönen Thema Essstörung, kann als Vorfilm auch Jamie Babbits persönlicher Lieblingsfilm Stuck (2001) dienen. Dieses kleine Beziehungsdrama mit wirklich schwarzem Humor basiert auf der unglücklichen lesbisches Beziehung ihrer Großtante. Hier ist es:


In geringer Auflösung sind auch die Kurzfilme Sleeping Beauties und A Memoir To My Former Self auf Youtube.

© by PRO-FUN MEDIA

Ein richtiges Stück Filmgeschichte ist meiner Meinung nach But I’m a Cheerleader (1999). Dieser schrille Film ist Coming-Out-Liebesgeschichte und von Tim Burton/John Waters beeinflusste Farce in einem. Die ahnungslose Vorzeige-Schülerin Megan (Natasha Lyonne) wird von ihren Eltern, den Freundinnen (u.a. Michelle Williams) und dem tumben Boyfriend in ein bonbonfarbenes Umerziehungscamp für homosexuelle Jugendliche gesteckt, in dem wirklich alle Beteiligten total queer sind.

Allmählich wird Megan klar, was sie am Cheerleading alles mag und was hier eigentlich falsch läuft: Wie könnte ausgerechnet RuPaul den Jungs das Heterosein beibringen, wenn er dabei immer auf den Gärtner schielt? Wie kann Jen vom angeblichen Lesbischsein geheilt werden, wenn er sich gar nicht als Mädchen fühlt? Schließlich entpuppt Megan sich vom naiven Mädchen zur selbstbewusstesten Homosexuellen der Klasse, die noch dazu ihre Femme-Identität gegen alle Lesben-Klischees verteidigt und es sichtlich genießt, sich im Geschlechterrollen-Übungskurs von ihrer neuen Freundin die Fußnägel lackieren zu lassen. But I’m a Cheerleader führt die scheinbar logische Kopplung von Gender und Begehren wunderbar ad absurdum und macht dabei riesigen Spaß.

Die Anschaffung der DVD lohnt allein schon für Julie Delpys Gastrolle als Lipstick Lesbian – und wegen des einmaligen Vorspanns, nach dem man Chick Habit von April March bestimmt nicht mehr mit der Death Proof-Schlussszene assoziiert…

In seiner schwungvollen Erzählweise ist Babbits erster Spielfilm nur knapp 90 Minuten lang. Danach sollte also noch Zeit für ihren jüngsten Film sein. Mit Itty Bitty Titty Committee (2007) hat die unabhängige Filmemacherinnen-Gruppe Power|Up, die Professional Organization of Women in Entertainment Reaching Up, ihren ersten Langfilm herausgebracht. Der Verein will die lesbisch-queere Präsenz im Kino fördern und hat schon viele Kurzfilme hervorgebracht, wie zum Beispiel Babbits Stuck und die erste Fassung von Robinsons D.E.B.S. Hier passen also Motivation, Qualität und Unterhaltungswert zusammen.

© by Salzgeber

Itty Bitty Titty Committee ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Riot Grrrl-Bewegung auch das L Word-Age überlebt hat. Außerdem ist er eine Art Gipfeltreffen der lesbischen Filmschaffenden: Cameos ohne Ende (siehe Tags). Im Mittelpunkt steht Melonie Diaz, die hier ihr lesbisches Coming-Out und die erste Trennung zwar schon hinter sich hat, der ihr feministisches Outing aber noch bevorsteht: Von der Mitarbeiterin der Schönheits-OP-Klinik zur organisierten Aktivistin der CIA (Clits In Action). Die Liebe ist natürlich auch hier nicht unbeteiligt. Und der Soundtrack ist noch besser, da lauter als im eben beschriebenen Girl Movie. Mit Heavens to Betsy, Bikini Kill, Le Tigre und Peaches im Ohr ist diesem chaotisch-unterhaltsamen Radikalfeminismus nur schwer zu widerstehen.

 

(Der Kurzfilm Stuck ist auf den DVDs Liebesperlen 1 und Liebesperlen Spezial Power|Up von Salzgeber enthalten. Itty Bitty Titty Committee (OmU) ist ebenfalls bei Salzgeber als DVD erhältlich, But I’m a Cheerleader – Weil ich ein Mädchen bin bei Pro Fun Media.)

Jamie Babbit-Interview bei All Acess Pass

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