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Feminist Porn – Erika Lust

5. Juli 2011

Gerade im vorletzten Heft hat EMMA zum tausendsten Mal ihre PorNO-Argumente wiederholt. Natürlich ist die konventionelle Massen-Pornoindustrie zu kritisieren, unter anderem durch einen Blick hinter die Kulissen (dafür empfiehlt sich etwa die Dokumentation 9 to 5 – Days in Porn). Aber: nicht alle Pornos sind gleich „Sexualisierung von Erniedrigung und Gewalt“ (ein Satz, der allein 10 Mal in Großdruck in EMMA 298 stand). Auch sind Pornografie und Prostitution durchaus keine Synonyme. Porno auch anders definieren zu dürfen und Selbstbezeichungen wie die Feminist Sluts zuzulassen, sind eben noch immer Schlachtfelder im Kampf der Feminismen. Ich erzähle euch damit gewiss nichts Neues. Trotzdem wollen wir hier ein paar coole Filmemacherinnen vorstellen, um zu betonen: Pornos machen nicht unbedingt süchtig, krank und dumm, sondern im Idealfall Spaß, Lust und können auch diesseits von Post Porn Geschlechternormen infrage stellen.

 

Starten wir mit der Frau, die sich das Thema ihrer Arbeit schon zum Namen gewählt hat: Erika Lust! 1977 in Stockholm geboren studierte sie Politikwissenschaften mit feministischen Schwerpunkt. Seit über 10 Jahren lebt und arbeitet sie in Barcelona. Dort ist ihre Produktionsfirma Lust Films beheimatet. Als Regisseurin erhielt sie für Cinco historias para ellas (2007) und die Doku Barcelona Sex Project viel Anerkennung. Ihr Buchprojekt Porno para Mujeres, englisch unter schlichten Titel Good Porn und bei uns als X – Porno für Frauen erschienen, bietet Porn Studies for beginners…

Porno ist ein Diskurs, eine bestimmte Art, über Sex zu sprechen. Die Werte, die der Porno vermittelt, müssen von uns ständig infrage gestellt  und analysiert werden.

Das Buch liefert einen guten Überblick über die „Pornogeschichte“, grundlegendes Porno-Vokabular, feministische Kritik am Mainstream-Porno und nicht zuletzt eine Empfehlungsliste, die von bekannten Erotikfilmen über lesbische Pornos bis zu Dokumentationen reicht. Alles mit reichlich Filmstills und Grafiken bebildert. Post Porn mag hier ein wenig kurz kommen, was daran liegt, dass Erika Lust ein breites weibliches Publikum erreichen will und bewusst akademische Debatten umgeht. Der Grundgedanke, dass Pornos nicht nur Antörnen, sondern gleichzeitig Mehrwert vermitteln können, wird von ihr aber deutlich vermittelt. Derweil vielen sex positiv feminism schon ein alter Hut ist und die Kulturkritik schon über post post porn spricht, bleibt ein Buch, das gegen Klischees kämpft und Frauen Mut zur Lust am Porno machen will, nachwievor aktuell. In ihren neueren Buchprojekten The Erotic Bible to Europe und Love Me Like You Hate Me schlägt sie dann auch schon eine andere Richtung ein…

Alle, denen Erika Lusts Buch nichts Neues bietet, sollten sich den Namen trotzdem merken, denn ihre (besten) Filme sind alles andere als langweilig. Neben heterosexuellen Szenen gibt es immer auch Sex zwischen Frauen (und gelegentlich zwischen Männern). Stereotype und Plot-Klischees wie der Dreier oder die Sache mit dem Pizzaboten werden ironisch verdreht. Vor allem ihr zweiter „Spielfilm“ Lust Love Life ist auf eine ungewohnt ästhetische Art unglaublich sexy, zum Beispiel die body-to-body-massage. Auf der DVD ist neben den Kurzfilmen auch ein Interview mit Erika Lust. Darin erzählt sie, wie verständnislos das Porno-Business auf Erneuerungsversuche reagiert. Gegen den Widerstand hat sie sich seit ihrem Kurzfilm The Good Girl (2004) immer mehr Gelder und Preise erkämpft. Sie spricht von Gefühlen und Werten, die sie statt männlichen Phantasien und Ejakulationen zum Zentrum ihrer Filme machen will. Dementsprechend gibt es keine Genitalien in Großaufnahme oder cumshots. BDSM und Experimente sind aber erlaubt – konsequent aus weiblicher Sicht gezeigt.

Ich werde nicht die Hände in den Schoß legen und warten, bis die Pornoindustrie sich bequemt, ihre Vorstellungen und Vorurteile über die weibliche Sexualität zu revidieren. Wenn wir es nicht tun, wird es niemand tun.

Cinco historias para ellas - Nadia y las mujeres

Hier die Links zu ihrem Blog,  zur DVD-Vorschau von Love Lust Life und zu zwei ihrer Kurzfilme: Handcuffs und LOVE ME LIKE YOU HATE ME.

1 Kommentar

  • Reply Kathrin 5. April 2013 at 11:01

    Danke für diesen coolen Artikel, wenn auch schon etwas älter, aber die Debatte um eine andere Art von Pornos ist ja immer noch aktuell. Mir gefallen die Filme von Erika Lust sehr gut… ich bin gespannt was sie als nächstes macht.

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