Bücher Queer Life

Urlaubslektüre für die distinguierte Lesbe

30. Juni 2011

Charlys Strandbücher-Top 5 gehört noch immer zu den beliebtesten Posts auf Kweens. Exakt drei Jahre danach wollen wir unsere Reihe von Sammelbuchtipps um eine weitere Urlaubsedition ergänzen, diesmal ein wenig ernster und globaler als einst. Für Unterhaltung ist aber gesorgt…

Der Urlaub ist geplant und jetzt fehlen nur noch ein bis drei gute Bücher? DEN herausragenden queeren Schmöker der Saison habe ich bereits vorgestellt: Der Berlin-Roman beziehungsweise liebe von Tania Witte hat mich genüsslich in den Sommer eingestimmt. Doch im Urlaub am rauschenden Meer hab ich zu ganz anderen Büchern gegriffen, die poetisch, nachdenklich oder klassisch Literatur im Taschenformat liefern. Und ich hab durchaus kein Problem mit einigen Sandkörnern im Bücherregal.

Judith Schalansky: Blau steht dir nicht. Matrosenroman (Mare 2008)

Eines der beliebtesten deutschen Sommerziele ist die Ostsee-Insel Usedom mit ihrem unendlich langen Strand. „Dort wohnen, wo andere Urlaub machen“, ist das Credo der Großeltern von Jenny, die ihre Kindheit zwischen Greifswald und Zinnowitz verbringt. Von der Großmutter am liebsten in Rot und Grün gekleidet, träumt Jenny schon früh von blauweißen Matrosenanzügen. Auch nachdem der Großvater erklärt, sie könne nicht „Matrösin“ werden, weil Frauen auf Schiffen Unglück brächten. In ihrer Vorstellung dagegen sind Frauen Glücksbringer, wie die kleinen Bernsteine.

In eingeschobenen Kapiteln reist die Protagonistin nach Russland und macht einen Foto-Crash-Kurs in New York. Überall begegnen ihr Matrosen, auf Bildern, am Pier oder in der Gay Bar. Auch eine Frau im Matrosenanzug findet sie auf Fotos: die lesbische surrealistische Fotografin Claude Cahun. Voller Erinnerungen, mit vielen Archiv- und Familienfotos, in klaren Sätzen ist Judith Schalansky ein wunderbares kleines Buch gelungen – das ich nächstes Jahr vielleicht nochmal ans Meer mitnehmen werde.

Manuela Kuck: Freispruch (Krug & Schadenberg 2010)

Kriminalistische Spannung mag bei diesem Roman mit dem bezeichnenden Titel Freispruch zwar nicht recht aufkommen, dafür sind die Hauptfiguren durchaus interessant und ihre Konflikte glaubwürdig. (Allerdings fragt frau sich schon, warum die Protagonistin sich ca. 50 Seiten lang wundern muss, dass sie ihre Zeit so gern mit einer attraktiven intelligenten Frau verbringt, mit der sie über alles reden möchte, außer ihre gemeinsame Liebe zu Frauen.) Die Geschichte dreht sich um die einst so erfolgreiche Anwältin Lena (nicht Odenthal, sondern Bokken), die durch einen neuen Fall mithilfe eben jener smarten Lady wieder zu ihrem alten Scharfsinn zurückfindet. Handlungsort ist vor allem das südwestliche Berlin, für Natur wie auch Großstadtflair ist also gesorgt, ebenso für vorsichtige Romantik. Manuela Kuck hat ihr zehntes Buch routiniert geschrieben, verdirbt uns aber ein wenig die Lust auf Kuchen. Und mit den zahlreichen Bezügen zu japanischer Kampfkunst braucht es bei mangelnder Aikido-Kenntnis etwas Geduld. Dafür möchte man am Ende des angenehme 350 Seiten langen Romans einmal Lena in ihrem Bootshaus bei Abenddämmerung besuchen kommen.

Kristof Magnusson: Gebrauchsanweisung für Island (Piper 2011)

Island ist das neue Lesbos. Sein Rainbowfaktor jedenfalls steigt. Dank des wirtschaftlichen Zusammenbruchs des Landes bekam der Inselstaat eine (im Nachhinein gewählte) lesbische Regierungschefin. Längst kann die Ehe dort völlig gleichberechtigt auch zwischen Menschen desselben Geschlechts eingegangen werden. Erfolgreiche Filme wie 101 Reykjavik oder Fucking Different zeigen ohnehin ganz selbstverständlich lesbische Mütter und schwule Elfen. Partyleben wie Einöden sind legendär. Zum Gay Pride kommt circa ein Drittel der Bevölkerung. Und der Nationalsport ist Handball. Muss ich mehr sagen?

Wer mal wissen möchte, wie es sich in diesem kleinen Land der Naturextreme so lebt, sollte dieses unterhaltsame Buch einpacken: Der sympatische (schwule) Deutsch-Isländer Kristof Magnusson (sein Debütroman namens Zuhause spielte authentisch in Hamburg und Reykjavik) erzählt, welche Regeln, Mythen und Freiheiten das isländische Miteinander prägen und was sich in den letzten Jahren alles schlagartig änderte. Das hier ist kein Reiseführer, der alle Touri-Programmpunkte abhakt und bebilderte praktische Reisetipps gibt, sondern – wie in der Reihe der Gebrauchsanweisungen vorgesehen – die liebevoll persönliche Sicht eines deutschen Schriftstellers auf seine zweite Heimat, die Vulkaninsel.

Ernest Hemingway: Der Garten Eden (rororo)

Wer doch lieber in den Süden fährt, mag die passende Lektüre in Hemingsways  posthum veröffentlichten Sommerroman finden. Das kürzlich verfilmte Buch bietet eine spannungsreiche Dreiecksgeschichte an der Riviera und Côte d’Azur in den 20er Jahren: Der amerikanische Schriftsteller David Bourne und seine Frau Catherine sind in den Flitterwochen und suchen Abenteuer. Während David auf Inspiration für seine Geschichten aus ist, reizt die junge Braut zunehmend die Grenzen ihrer Identität aus, wird mehr und mehr zum  ”Jungen”. Dann bringt sie eine schöne Italienerin als “Präsent” mit… Erstaunlich, dass der alte Chauvi Hemingway hier tatsächlich mindestens eine richtig aufregende Frauenfigur erschaffen hat, Homoerotik und gender trouble inklusive. Dafür nehme ich ihn sogar mit an den Strand.

Hier noch zwei Buchtipps von Charly:

Haruki Murakami: Sputnik Sweetheart (btb/Dumont 2002)

Sputnik Sweetheart begann Murakami damals, um sich selbst von seinem Werk Mister Aufziehvogel zu erholen, es sollte ein Art „Wohlfühlroman“ für ihn werden. Trotzdem sollte hier niemand einen Kitschroman erwarten. Die junge Autorin Sumire verliebt sich in die siebzehn Jahre ältere, mondäne Miu. Überrascht darüber, dass sie lesbisch sein könnte, hinterfragt Sumire für sich, was sexuelles Verlangen wirklich ist und gesteht schließlich Miu ihre Gefühle. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des namenslosen Ich-Erzählers „K“, der selbst in Sumire verliebt ist, welche seine Gefühle jedoch weder erwidert. Durch ihre Bekanntschaft zu Miu verändert sich Sumire, bis sie bei einem Griechenlandurlaub der beiden plötzlich verschwindet… Definitiv eine melancholischere und tiefere Art der Strandlektüre, dennoch ein wundervolles Buch, dass jede einmal gelesen haben sollte.

Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus (Insel 2010)

Das Thema das Buches mag nicht von Strandlektürennatur sein, das Format allerdings schon: Auf knackigen 118 Seiten wird aus der Sicht der siebenjährigen Laura die Flucht vor der argentinischen Militärherrschaft in den 70er Jahren beschrieben. Sie und ihre Mutter finden Zuflucht im „Kaninchenhaus“, bevor ihnen die Flucht aus dem Land gelingt. Das Buch liest sich schnell und leicht, wirkt jedoch nach – allein schon, weil es auf wahren Begebenheiten beruht. Perfekt für diejenigen, die ihre Strandlektüre ein wenig politischer mögen.

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