Politik Queer Life

Lesbian Ranting – „Amina“ und „Paula“

14. Juni 2011

Das Ganze wirkt schon fast ein wenig erfunden, so abartig ist es. Die angeblich entführte, lesbische Bloggerin Amina Araf, wir berichteten, ist in Wirklichkeit ein Mann namens Tom MacMaster, der diese Figur einfach nur erschaffen hat. Es gibt Amina nicht. Das Bild, das von ihr durch die Presse schwirrte, ist ebenfalls nicht sie. Und gerade, als ich das einigermaßen verdaut hatte, erreichte mich die Neuigkeit, dass „Paula“, eine angeblich gehörlose, lesbische Frau und Leiterin der Website LezGetReal, ebenfalls ein Mann ist. Wow.

Die Frage, warum diese Männer so etwas taten, ist wohl ganz einfach mit „Macht“ zu beantworten. Hier geht es nicht mehr nur um den (angeblichen) alten Männertraum uns beim Sex zuzusehen oder mitzumachen, hier geht es darum sich in unser ganzes Gedankengut einzuschummeln. Das ist eine viel perversere und vor allem perfidere Art der Untergrabung, der Machtdemonstrierung und Entmündigung. Hier denken Männer, sie könnten es besser und versuchen sich, im Fall von „Paula“, damit herauszureden, indem sie beteuern, sie hätten befürchtet niemand hätte sie, als Hetero-Mann, sonst ernst genommen. Ach was! Was für ein abwegiger Gedanke. Sie „wollten nur Gutes tun“ und haben nichts als Schaden angerichtet.

Als ich mich durch die Links, die bei Twitter zu dem Thema „Paula“ auftauchten, klickte, las ich, wie viele sich darüber amüsierten, dass „Paula“ und „Amina“ miteinander geflirtet hätten, obwohl sie ja beide wirklich Männer sind (haha…), andere erzählten von ihren Erfahrungen und Problemen mit „Paula“. So zum Beispiel Renee Gannon von Lestopia, deren Seite damals durch eine Zusammenarbeit mit „Paula“ einen fast irreparablen Schaden erlitt.
Und fast jede fragte, ob sich jetzt jede Bloggerin als lesbisch und/oder Frau ausweisen müsse. Renee Gannon brachte es in ihrem Post auf den Punkt: Sie hat zu keiner Zeit daran gezweifelt, dass sie wirklich mit einer lesbischen Frau namens „Paula“ zusammen arbeitet.
Der Gedanke, dass jemand so etwas tut und sich dieses Lügenkonstrukt ausmalt, ist einfach zu unglaublich, um ihn in Erwägung zu ziehen.

Wie hoch mag die Dunkelziffer der Blogs sein, deren Autorinnen sich als Frauen ausgeben, aber tatsächlich Männer sind? Die Zahl der Websites, die angeblich von Frauen für Frauen gemacht werden, aber tatsächlich von Männern geleitet werden, ist ohnehin schon unglaublich hoch.

Abgesehen vom Misstrauen, welches hier unweigerlich mit beiden Fällen geschürt wurde, muss man sich immer daran erinnern, dass (lesbische) Frauen wirklich und nicht nur in Syrien entführt werden, sondern überall in allen Teilen der Welt, so zivilisiert sie auch sein mögen. Diese haben keinen Background einer Figur wie „Amina“.
Überall auf der Welt gibt es BloggerInnen und Aktivisten die sich wirklich engagieren und ihr Leben in Gefahr bringen, um für unsere Rechte zu kämpfen. Diese Menschen sind es, die etwas erreichen können. Nicht jemand, der sich hinsetzt, eine Kunstfigur erschafft und am Ende nicht einsieht, etwas falsch gemacht zu haben.

Im Fall von Amina wollte geholfen werden, man hat sich mobilisiert, engagiert. Der „Autorin Paula“ von LezGetReal, haben die LeserInnen vertraut, geglaubt einen für sich sicheren Ort im Netz zu haben, jemanden, der ihre Interessen vertritt. Alle wurden betrogen. Von diesen Männern, die uns nicht ernst nehmen, uns für so schwach halten, dass sie denken, sie könnten in unsere Haut schlüpfen und uns „besser“ vertreten, als wir uns selbst.

Alles was ich jetzt hoffe ist, dass nicht noch jemand auftaucht, der sich als Lesbe ausgab, tatsächlich aber ein Mann ist und mit den beiden Hornochsen ein Trio bildet. Mein Bedarf an diesen Geschichten ist für die nächsten Jahrzehnte gedeckt.

Und weiter? Brauchen wir eine „Lesbische Qualitätskontrolle“ im Internet? Müssen wir jetzt alle kurz über Twitter die Personen aufzählen, die bezeugen können, dass wir wirklich wir sind?
Vermutlich ist das Beste, sich weiterhin zu vertrauen, zu hoffen, dass die Mehrheit der Menschen nicht so dreist ist, wie diese Männer, dass wir wirklich mit starken, kreativen und tollen Frauen mailen, tweeten, bis wir uns irgendwann einmal wirklich kennenlernen. Denn nur, weil wir kein Foto von uns auf unserer Kontaktseite haben, heißt das noch lange nicht, dass wir durchgeknallte Nerds in Mamas Keller sind, die sich freuen, gerade diesen Text zu schreiben.

Denn ganz ehrlich, ich habe mich wirklich nicht gefreut, diesen Text zu schreiben.

1 Comment

  • Reply Mobil machen in Syrien » Schafott 15. Juni 2011 at 00:15

    […] Lesbian Ranting – “Amina” und “Paula” Charly ist auf Kweens ja mal richtig sauer, u.a. wegen, wer einem lügt, dem glaubt man kaum. Und tatsächlich: Würde morgen eine 23-jährige Frau aus Syrien verschwinden, woher soll man den wissen, ob es die Person hinter der anrührenden Geschichte aus wirklich gibt? Und warum machte das Tom MacMaster überhaupt fünf Monate lang? […]

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