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Kommentar: Glamour-Artikel „Wo die Liebe hinfällt“

21. Mai 2011

Leserin Sandra hat mich darauf hingewiesen, dass in der Mai-Glamour ein Artikel über sexuelle Identitäten veröffentlicht wurde. Und da ich ja keine Kosten und vor allem Mühen scheue, habe ich mir tatsächlich die Ausgabe gekauft und den besagten Artikel gelesen (und jetzt gefühlte 20 Shampoo-Pröbchen auf dem Schreibtisch rumfliegen). Unter dem Titel „Wo die Liebe hinfällt“, hat sich Autorin und DJane Hanna Hanra die Mühe gemacht, uns an ihrem eigenen Liebesleben und ihren Ansichten darüber teilhaben zu lassen. Soweit, so gut.

Aufgeregt habe ich mich darüber nicht wirklich, sondern größtenteils amüsiert. Eine Frau, die selbst von sich sagt, dass sie nicht über Sexualität definiert werden möchte und in keine Schublade gehört und dann jedoch erwähnt, dass ihr irgendwann in ihrer Frau-Frau-Beziehung der Mann fehlte, der die schweren Einkaufstaschen hochträgt oder Jack Daniels mit ins Kino schmuggelt: Sowas bringt mich unweigerlich zum Schmunzeln. Ich persönlich kann schon nicht einmal mehr zählen, wie viele Einkaufstaschen ich geschleppt und wie viel Alkohol ich ins Kino geschmuggelt habe. Das ist keine männliche Eigenschaft, totaler Schwachsinn also! Die Klischee-Genderrollen-Verteilung im Alltag wird hier  nicht in Frage gestellt – aber in sexuellen Dingen, möchte die Autorin völlig undefiniert bleiben.

Im Artikel wird sich über Klischees aufgeregt und gleichzeitig ellenbogentief in die Klischee-Kiste gegriffen. Das mag ihr Leben und ihre Ansichtsweise sein, geschenkt, nur ein Absatz ist mir wirklich sauer aufgestoßen:

„Am schwierigsten ist es aber, dass man es niemandem sagt. Der Satz „Ich bin mit einer Frau zusammen“ ist immer noch mit einem seltsamen Tabu behaftet. Die Leute reagieren darauf entweder fasziniert oder panisch“.

Wegen eben dieses Fakts outen sich viele unter uns jahrelang oder ihr ganzes Leben lang nicht. Aus Angst. Wenn sie jetzt schreibt, dass sie es nur nach ein paar Gläsern Wein tat, vorher gar nicht und von ihrer Partnerin als „geschlechtsneutral“ sprach, wirkt es auf mich so, dass sie es nicht aus Angst nicht gemacht hat, sondern weil es ihr schlicht zu unbequem war. Auch die Frage danach, warum wir alles definieren müssen, löste bei mir Kopfschütteln aus. Man kann sich definieren oder es sein lassen, aber wie bei vielen anderen Themen auch, eigentlich bei allem, bringt es nichts, die Problematik des Benennens einfach unter den Tisch zu kehren. Das macht das tägliche lesbische Leben nicht einfacher und die Reaktionen vieler Leute werden sich dadurch auch nicht ändern.

Anstatt zu versuchen, sich den Bezeichnungen zu entziehen, aus Angst mit irgendetwas in Verbindung gebracht zu werden, als das man sich selbst nicht sieht, sollte diese verschenkte Energie lieber darauf verwendet werden, stolz drauf sein. Denn eine Frau, die sich offen als Lesbe definiert und nicht wie das Klischeebild im Kopf der meisten Menschen aussieht und agiert, die erreicht mehr Veränderung als jemand, der damit gar nichts zu tun haben will und alle Begrifflichkeiten ignoriert. Und ganz ehrlich? Der ist auch eines: feige.

Wer lustig durch die Betten von Weiblein und Männlein und all dem dazwischen springt, hat bestimmt viel Spaß, macht aber die Klischee-Problematik nicht wett. Wer dazu außerdem nicht von einer Frau lassen kann, weil es sich zu „großartig unartig“ anfühlt, der sollte einmal in sich gehen. Die Autorin hat ihre Weltansicht, ich habe meine und respektiere auch die ihre. Aber:

Es ist schön und gut, wenn Leute behaupten, dass es „nur“ eine Sexualität ist, das mag auch für sie so sein und ja, unsere Sexualität ist eigentlich nur ein Teil von uns. Eigentlich. Es ist in Wirklichkeit allerdings so viel mehr, ob wir wollen es nicht. Es ist die Art und Weise, wie wir behandelt werden, überall in der Welt, wie die Gesellschaft uns wahrnimmt, welche Rechte wir haben. Es ist für uns nicht nur der Umstand, mit wem wir in die Kiste steigen, es ist unser ganzes, gottverdammtes Leben.

Der Artikel in der Glamour ist also der einer Frau, die aus Bequemlichkeit keine Lust hat, sich in eine „Schublade“ stecken zu lassen, dafür plädiert, dass wir alle sexuell frei sind und es egal ist, wen wir lieben. Das ist es auch. Aber das ist leider nun einmal ein verzerrter Blick darauf, wie der Hase wirklich läuft.

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