Bücher Queer Life

Schmöker mit (queerem) Anspruch: beziehungsweise liebe

1. April 2011

Schon die vor Monaten versandte Verlagsankündigung lies mich aufhorchen: Achtung, neuer lesbischer Schmöker in Anmarsch, der verspricht gleichermaßen mitreißend wie smart von der Berliner Beziehungsvielfalt zu erzählen! Was mich angesichts der von Krimis und Wiederholungstäterinnen dominierten, ohnehin übersichtlichen deutschen Lesbenliteratur so optimistisch sein ließ? Neben dem von Risk Hazekamp beigesteuerten Cover, zunächst einmal die Person hinter dem Buch:

Die Autorin Tania Witte…

Tania Witte schrieb unter anderem als Musikredakteurin fürs Zillo-Magazin. Später diskutierte sie im Hugs and Kisses Mag das moderne, reflektierte Femme-Sein aus der Innenperspektive und erklärte dem Tagesspiegel die Drag-King-Welt. Zu beiden Themen veröffentlichte sie bereits Texte im Querverlag: Die Sammelbände Femme! radikal – queer – feminin und das Drag King-Buch Mit Bartkleber gegen das Patriarchat, dessen Mitherausgeberin sie war, sind beides echte Nischenware in der deutschsprachigen Bücherlandschaft! Daneben ist sie „Gelegenheitsmodel“ und hat sich als Spoken-Word-Performerin einen Namen gemacht, nämlich CayaTe. Nun folgt der erste Roman.

Hinter dem Cover, einer gechillten Szene vom neuen Berliner Spielplatz namens Flughafen Tempelhof, tummelt sich eine illustre Gesellschaft. Marte und Tekgül, Nicoletta, Clemens, Liza, Johanna und „Sandyunmanu“ könnten kaum unterschiedlicher sein, was ihre Identität, ihr Begehren und ihre Lebensentwürfe betrifft. Noch dazu muss die ein oder andere im Laufe der Geschichte ihr Selbstbild hinterfragen. Zunächst hakt die Exposition alle Eckpunkte eines Großstadt-Lesben-Lebens ab: Freundinnen und Exen, L-Filmnacht und Schwuz-Partys, Kinderwunsch und Flucht an den Stadtrand. Der fast zwangsläufige Wiedererkennungseffekt ist durchaus unterhaltsam, gerade weil man sich in ein sommerliches Berlin-Ambiente versetzt sieht. Nachdem das Figurenensemble vorgestellt ist, geht es erst richtig los. Das Beziehungs- und Affären-Karussel dreht sich; die Identitätskonstruktionen geraten ins Schwanken. Die spannende Story läuft auf ein wahres Showdown hinaus, einem Kampf von Neukölln gegen Mitte sozusagen.

So locker-leicht dieser Roman mit Pointen („Also machten sie das Kind auf konventionell lesbische Art.“) und Anekdoten spielt („Die Leinsamen-Line von 1978 war die logische Folge eines eklatanten Erziehungsfehlers.“) – er verhandelt gekonnt die vielen offenen Identitätsfragen, die unter dem häufig vorschnell verwendeten Begriff queer unterzugehen drohen: Wie definiert sich die Partnerin einer Transperson neu? Wie kann das mühsam gegen die Konventionen entwickelte Familienmodell verteidigt werden? Wie passt eine neu entdeckte SM-Begeisterung in die glückliche Paarbeziehung? Und wer hat überhaupt das Recht, andere unter ein bestimmtes Identitätslabel zu fassen? Keine Sorge, das hier ist kein Thesenroman, sondern einfach sehr zeitgemäße, anspruchsvolle Unterhaltung. Lachen und Weiterdenken erwünscht!

…und ihr zweites Ich CayaTe

Bereits die Vorab-Rezensionen sparten nicht an Lob: L-Mag nennt den Roman „ein richtiges Knallbonbon“ und die Siegessäule spricht von „lesenswerter Literatur“. Bei einer Subkultur-Soap in Buchform fällt sofort der unvermeidliche Vergleich zu Amistead Maupins Stadtgeschichten. Ebenso mag man an Alison Bechdels Comic-Serie Dykes to watch out for denken. Auch dort konnte man mit den Figuren die Stereotype im eigenen Kopf umwerfen und ein normkritisches Bewusstsein finden, das das Prädikat queer verdient.

Den Roman gibt es jetzt bei der Buchhändlerin eures Vertrauens. Tania Witte liest am 10.4. beim  L-Beach. Ansonsten sitzt die Autorin bereits an einer Fortsetzung. Willkommen bei den Berliner Stadtgeschichten!

Cover- und Autorinnen-Fotos by Risk Hazekamp, Quelle: TaniaWitte.de

2 Comments

  • Reply Konny 1. April 2011 at 19:47

    Ich lese das Buch gerade und finde es auch gut. Mir gefällt die Sprache, manchmal hat Tania sicher stundenlang an bestimmten Beschreibungen gebastelt, aber beim Lesen merkt frau das keineswegs 😉

    Auf jeden Fall ein schönes und unterhaltsames Buch! Ich lese es gerne! 😉

  • Reply taniawitte|wordart 2. April 2011 at 15:43

    […] liebe” zu Gemüte geführt. Was sie davon halten? Hier gibts einen Vorgeschmack und hier den ganzen Artikel. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen […]

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