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Schwedische Feminismen 2 – „Drömfakulteten“

21. Januar 2011

Letztes Mal habe ich euch ein unterhaltsames und wütendes Stück Literatur vorgestellt, mit dem sich die Schriftstellerin Maria Sveland ganz klar als Feministin neuerer Schule positioniert. Eine ganz andere Art der Auseinandersetzung mit dem Feminismus wählt Sara Stridsberg. Sie beschäftigt sich in ihrem Experimentalroman Drömfakulteten (Traumfabrik) mit der Andy Warhol-Attentäterin und Radikalfeministin Valerie Solanas.

„Ich bin politisch lesbisch, politisch vaterlos, politisch Frau.“

Traumfabrik ist die erste deutschsprachige Übersetzung der Schwedin Stridsberg, die auch in ihren anderen Romanen über legendäre Frauen (Happy Sally über Sally Bauer) bzw. Frauenfiguren (Darling River über Nabokovs Lolita) schrieb. Drömfakulteten erhielt den höchsten Literaturpreis Schwedens, was zumindest die Autorin selbst verwunderte, die kaum auf ein großes Publikum gehofft hatte. Nachdem sie 2003 Solanas‘ S.C.U.M.-Manifest ins Schwedische übersetzt hatte, ließ das Thema ihr keine Ruhe mehr. Mit dem Stück Valerie Jean Solanas ska bli president i Amerika („Valerie Jean Solanas wird Präsidentin von Amerika“) debütierte sie als Dramatikerin. Es folgte „eine literarische Fantasie“.

Wie nähert man sich einer Person, die durch eine brutale Tat berühmt wurde und gleichzeitig eine feministische Legende ist? Einer Person, über deren Leben wenig bekannt und noch weniger belegt ist? Deren Werk genauso bahnbrechend wie abstoßend ist? Stridsberg wählt gleich verschiedene Wege, um über Solanas zu erzählen. Einerseits rekonstruiert der Roman die Lebensgeschichte halbwegs chronologisch, ohne sich dabei auf eine Perspektive festzulegen. Dabei verwendet sie (fiktive) Interviewsätze und schmuggelt viele Zitate aus dem S.C.U.M.-Manifest in den Text. Herausgehoben werden Szenen des Mordprozesses 1968. Aufschlussreich sind die expliziten Querbezüge zur US-Zeitgeschichte: politische Ereignisse, das Unileben ab den späten 50ern, die New Yorker Künstlerszene der 60er. Unverständlich sind mir dagegen die eingefügten Listen. Als Rahmung finden Dialoge zwischen der Erzählerin und ihrer Hauptfigur statt, in denen all die ungeklärten Fragen einfach direkt an die im Sterben liegende Valerie gestellt werden. Kein schlechter Kunstgriff!

„Es geht um die tiefe Tragik darin, dass du Männer hasst und gezwungen bist, dich dein Leben lang an sie zu verkaufen.“

Ungeklärtes gibt es reichlich. Allem voran: Warum schoss Solanas auf Andy Warhol, mit dem sie zuvor zusammengearbeitet hatte? Was genau wollte sie mit ihren Texten erreichen? Ihr Manifest zur Vernichtung der Männer ist voller beißend satirischer Ansichten, die wohl kaum jemand ernst nahm. Eine „Society for cutting up men“ hat es so nie gegeben. Solanas war eine Einzelkämpferin, „Amerikas erste intellektuelle Hure“. Die Grundlage für Solanas‘ Männerhass bietet ihre messerscharfe Analyse der gesellschaftlichen Strukturen – die Ursache kann aber auch in ihrer Biografie gefunden werden. Vom Vater vergewaltigt, von der Mutter missachtet, vom Umfeld unterschätzt, findet Valerie erst an der Universität zeitweise Bestätigung. Mit „Cosmogirl“ erlebt sie Spaß und ein wenig Romantik. Doch sie ist psychisch labil, bricht das Promotionsstudium ab und versucht in New York ihre radikalen Ideen zu verbreiten. Sie schreibt dramatische und journalistische Texte. In Warhols Factory bekommt sie ihre sprichwörtlichen 15 Minuten im Spotlight. Als ihr die künstlerische Anerkennung wieder entzogen wird, greift sie zur Waffe. Mario Amaya und vor allem Andy Warhol werden lebensgefährlich verletzt. Die letzten zwanzig Lebensjahre verbringt Valerie in Psychatrien und heruntergekommenen Hotels. So weit man weiß. Der Kampf mit der Angst vor dem Tod, der Einsamkeit und der verlorenen Zukunft ist ein zentrales Thema des Buches. Das Leid der Protagonistin ist hier genauso spürbar wie ihre politische Energie und ihr feministischer Witz.

„Die Erzählerin: Und die Frage der Identität?

Valerie: Nicht-Identität ist die Antwort. Nicht-frauliche Frauen, nicht-lesbische Lesben, eine nicht-unterklassige Unterklasse.“

Eine extrem widersprüchliche, umso faszinierendere Person wird in dieser außergewöhnlichen Romanbiografie umrissen. Am Ende leidet man gemeinsam mit der Erzählerin, Valerie verabschieden zu müssen. Zu sehr hat man sich in diese Figur eingefühlt; zu viele Dinge über sie sind ungeklärt geblieben. Wer der Autorin persönlich ein paar Fragen stellen will, hat Glück, wenn er/sie dieses Semester in Berlin ist. Dort weilt Sara Strindsberg gerade noch als Samuel-Fischer-Gastprofessorin der FU. Um mehr über Valerie Solanas zu erfahren, sollte man wirklich mal in ihr Manifest reinlesen, das es nicht nur im sehr preiswerten Original, sondern auch in einer schönen, um einige Texte ergänzten deutschen Ausgabe gibt. Denn im O-Ton ist Valerie dann doch wieder anders als erwartet… Außerdem kann man sich Mary Harrons Film I Shot Andy Warhol mit Lili Taylor in der Hauptrolle ansehen.

Das Valerie Solanas-Comeback ist ausgerufen!

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