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Schwedische Feminismen Teil 1 – „Bitterfittan“

21. Dezember 2010

Warum kommen seit einiger Zeit so interessante Bücher mit feministischen Themen aus einem der nordischen Länder, die doch angeblich so vorbildlich in ihrer Geschlechter-Gleichstellung sind? Aus dem Land, das eines der beliebtesten Reiseziele der aufgeklärten Frau von hier ist und uns doch gerade einen Racheengel als neues lesbisches Geek-Idol gebracht hat (siehe oben)?

Weil selbst im Land von flächendeckenden Kindergarten-Plätzen und vorangeschrittener beruflicher Gleichstellung mensch noch längst nicht von Chancengleichheit der Geschlechter sprechen kann. Stattdessen machen schwedische Autorinnen uns bewusst, wo Frauen nach wie vor ganz selbstverständlich zurückstecken sollen, spätestens wenn Kinder da sind. Diese Zustände regen Maria Sveland und ihre Protagonistin so richtig auf, sie werden dann ganz „bitterfotzig“ (zu bitterfittan, für die Skandinavist_innen unter euch). Ein starkes Wort, das der feministische Wut endlich mal Luft macht.

Maria Sveland (Photo by Leif Hansen)

Svelands Roman „Bitterfotze“ ist im Original schon 2007 erschienen und hat ganz ohne Feuchtgebiete-Ausrutscher eine schöne Diskussion ausgelöst. Das Buch lehnt sich an die feministischen Entwicklungsromane der 70er Jahre an, vor allem an Erica Jongs  „Angst vorm Fliegen“, das damals neben Büchern wie „Häutungen“ zur Pflichtlektüre gehörte. Maria Sveland beklagt halb romanhaft halb essayistisch die Erlebnisse, die sie bzw. ihre Erzählerin als doch so selbstbewusste, erfolgreiche Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes machen muss. Plötzlich entgegen aller Versprechungen doch vom Mann allein gelassen, bekommt die junge Mutter überall, wo sie Hilfe sucht, bei Hebammen, Freundinnen und Familienberatungen, altbackene Tipps, die vom überhöhten Mutterideal und mangeldem Gleichberechtigungswillen zeugen. Bis sie sich einfach eine Last Minute-Reise gönnt und den Zweijährigen eine Woche „allein“ beim Vater lässt, um endlich mal zum Schlafen und Nachdenken zu kommen.

Anders als ihre literarischen Vorbilder der 70er findet die Erzählerin doch einen Weg, mit Mann und Kindern und Beruf zu leben. Nach ihrer kleinen Auszeit kann sie sich etwas überraschend schnell wieder in ihre Situation fügen. Es liegt wohl daran, dass eine Alternative zur heteronormativen Kleinfamilie für die Protagonistin – wie für die Autorin – nicht wirklich in Frage kommt (und eine gleichgeschlechtliche Beziehung zum Beispiel außerhalb des Horizonts liegt). Immerhin: das Misstrauen dem Umfeld gegenüber bleibt, die postfeministische Naivität ist verflogen.

Endlich mal wieder ein wütend feministisches Stück Unterhaltungsliteratur! Der Titel zieht besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln die nötige Aufmerksamkeit auf sich. Das Buch passt aber genauso gut in die Badewanne oder als Geschenk für die frischgebackene Mutter im Freundinnenkreis. Svelands Text macht angenehm bitterfotzig und Lust auf mehr „engagierte Frauenliteratur“. Auf ihrer Homepage gibt die Autorin gleich einige Buchtipps, wo es neben internationalen Klassikerinnen auch noch viel nordische Literatur zu entdecken gilt.

4 Comments

  • Reply Dorothée 21. Dezember 2010 at 11:47

    Die Empfehlung für „Bitterfotze“ kann ich unterschreiben! Auch für alle Väter unbedingt lesenswert.

  • Reply Nadin 21. Dezember 2010 at 12:16

    Auch absolut lesenswert zum Thema: Dorothées Blog 🙂

  • Reply Stef 21. Dezember 2010 at 21:52

    Angst vorm Fliegen, in Bitterfotze von der Protagonistin gelesen, kann mensch auch mal lesen… =) … Bittefotze sowieso!

  • Reply Stef 21. Dezember 2010 at 21:53

    ha … den absatz in dem du angst vorm fliegen erwähnst hab ich irgendenwie weggeschielt… naja empfehlung dafür bleibt aber 😉

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