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Freundinnenromane – Lesbische Bestseller der 20er Jahre

8. November 2010

Grete v. Urbanitzky

Schaut man sich heute die Bücher in der Kategorie lesbische Unterhaltung an, denkt man sich: Gut, sie sind nicht gerade immer originell, aber scheinbar gibt es in dem Bereich was nachzuholen, schließlich gibt es sowas ja noch nicht so lange! Oder etwa doch? Zwar kann man nicht von einer jahrhundertelangen Tradition lesbischer Liebesschnulzen sprechen – dennoch gab es schon vor über 80 Jahren eine ganze Reihe fesselnder Romane um Leid und Glück der frauenliebenden Frau. Unter dem Schlagwort Freundinnenromane etablierte sich in den 20er Jahren ein neues Genre mit nicht zu verachtendem Erfolg.

Im Zuge der ersten Frauenbewegung und des sich verbreitenden Bildes der „Neuen Frau“ wurde es möglich mit erzählerischen Mitteln gegen die Tabuisierung bzw. Skandalisierung der Homosexualität anzugehen. Pionierin war Anna E. Weirauch, die ihren Roman „Der Skorpion“ schon im Jahre eins nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland veröffentlichte. Das Buch wurde als „Offenbarung“ gelobt, in dem frau sich endlich einmal wiedererkennen konnte. Zuvor waren lesbische Figuren durchaus in der Literatur der Zeit aufgetaucht – jedoch hatten renommierte Autoren wie Alfred Döblin („Die beiden Freundinnen und der Giftmord“), Frank Wedekind („Die Büchse der Pandora“) oder Ferdinand Bruckner („Krankheit der Jugend“) Homosexualität direkt mit Kriminalität und Krankheit verbunden. Nun gab es einen Roman, in dem die lesbische Heldin weder am Ende heiraten noch sich umbringen musste, auch wenn ihr das große Liebesglück verwehrt bleiben sollte.

  • Anna Elisabet Weirauch (1887–1970): Der Skorpion, Trilogie, 1919-1931
Anna E. Weirauch

Anna E. Weirauch

Weihrauch schrieb schon mit dem ersten Band der Trilogie den lesbischen Kultroman der Weimarer Republik. Dieser  war laut der Zeitschrift „Die Freundin“, dem bekanntesten der damals einschlägigen Hefte, „fast sofort nach Erscheinen vollkommen vergriffen“. Auch die folgenden Bände verkauften sich gut und „The Scorpion“ erschien in mehrfacher Übersetzung in den USA. Vermutlich wurde sogar der regelmäßige „Damenklub Skorpion“ in Berlin nach dem Buch benannt. Die Autorin hat ihren Roman mit eher konventioneller Sprache und einer sehr zurückhaltenden Schilderung der lesbischen Sexualität an ein breites Publikum gerichtet. Sie nimmt aber eindeutig Stellung gegen die gesellschaftliche Diskriminierung von homosexuellen Frauen und Männern. Auch wenn sie im Vorwort ihre neutrale Stellung zu dem Thema betont, darf man einen autobiografischen Hintergrund annehmen: Die Autorin lebte rund 60 Jahre mit ihrer Freundin in verschiedenen Orten zusammen und hatte viele homosexuelle Bekannte.

„Es war der Auftakt zu meinem Leben!“

„Der Skorpion“ ist die Geschichte des bürgerlichen Berliner Mädchen Melitta Rudloff, genannt Mette, von ihrer Kindheit bis zu einem Alter von Mitte 20. Ihr Initiationserlebnis ist eine zärtliche Beziehung zur Hauslehrerin. Obwohl das „Fräulein“ bald andere Interressen hat, erinnert Mette diese Begegnung als „Auftakt ihres Lebens“, das von Melancholie und schmerzlichen Erfahrungen geprägt sein wird. Dafür steht bildlich der Skorpion, denn dem Mädchen wird erzählt, er sei das einzige Tier, das fähig sei, sich in größter Not selbst zu töten. Das titelgebende Motiv ist eine Gravur auf dem Zigarettenetui der zehn Jahre älteren Olga, mit der Mette als 20jährige eine komplizierte Liebesbeziehung beginnt. Mettes Vater und ihre verhasste Tante (die Mutter ist tot) versuchen mit allen Mitteln das Verhältnis zu beenden, schicken ihr einen Psychiater und jagen den beiden gar die Polizei auf den Hals. Unter diesem Druck verleugnet Olga die Beziehung und verlässt Mette. Doch diese bleibt rebellisch. Sie bringt das Familiensilber zu Leihhaus und sucht sich „wissenschaftliche“ Informationen über Homosexualität. Ihre aus Angst vor der ungewissen Zukunft geschlossene Verlobung löst sie, nachdem sie von Olgas Freitod erfährt. Stattdessen beschließt sie auf Reisen zu gehen…

„Mir hat Olga alles gegeben, was man braucht … einen geladenen Revolver… und eine unsterbliche Seele!“

Im zweiten und dritten Band erwarten Mette noch viele Orte und Begegnungen, das Zigaretten-Etui immer in der Tasche. Zum Schluss entscheidet Mette sich für ein Leben auf dem Land, wo sie von Freunden umgeben, aber ohne Beziehung unabhängig sein kann. Die Roman-Trilogie spart leider den historischen Kontext weitgehend aus. Weder die Subkultur der Großstädte Berlin und München noch die politisch-wirtschaftlichen Spannungen der Ära werden spürbar. Dafür werden viele (der damaligen) Klischees widerlegt: Hier wird nicht die Jüngere verführt, stattdessen ist sie die Aktive. Die lesbischen Frauen sind keine „kessen Väter“, sondern feminin. Das Lesbischsein ist hier nicht die Krankheit, vielmehr behält eine Frau eine Lähmung als Folge ihrer Ehe. Wer sich von der mitunter sehr blumigen Sprache nicht abschrecken lässt, kann auf zusammen rund 1.000 Seiten viel über die Lesben-Welt der Weimarer Republik erfahren.

Zumindest der erste Band ist sehr günstig antiquarisch zu bekommen (bei Amazon übrigens unter der Rubrik „Erotik-Bücher“, ha-ha). Mehr über Weirauch und ihre Zeit erfährt man in Claudia Schoppmanns Text „‚Der Skorpion‘ – Frauenliebe in der Weimarer Republik“ (2.Auflage 1991).

  • Maximilane Ackers (1896-1982): Freundinnen – Ein Roman unter Frauen, 1923
Maximiliane Ackers

Maximiliane Ackers

Der Roman, der sein Genre schon im Namen trägt, wurde von einem wahren Allroundtalent verfasst: Maximiliane Ackers betätigte sich unter anderem als Schauspielerin, Sängerin, Glasmalerin und Kabarettistin. Eher zufällig schrieb sie einen Erfolgsroman – der sich in den ersten fünf Jahren 10.000-mal verkaufte – und danach nie wieder ein Buch.

„Freundinnen“ erzählt kurzweilig von der ersten Liebe einer 17jährigen zu einer reiferen Schauspielerin. Zwischen dem Mädchen Erika und der Frau Ruth gibt es einen deutlichen Generationsunterschied, aber beide Figuren sind als ‚unweiblich‘ und vielschichtig charakterisiert. Sie entsprechen einem androgynen Schönheitsideal, das in die lesbische Subkultur passt, wie sie am Rande portraitiert wird. „Wie aus dem Boden gestampft war ein bestimmter Frauentyp Beherrscher des Tages geworden.“ Ackers, die als Ku’damm-Aktrice selbst Erfahrungen in Berliner Künstler- und Lesben-Kreisen sammelte, erzählt von erotischen Partys in Privat-Wohnungen reicher Damen und von verrauchten Klubs, die von Koks, Bier, Likör, schräger Musik und tanzenden Frauenpaaren geprägt sind. In diesen Kreisen wird Erika kurzzeitig zu „Bubi“, dem „König schöner Frauen“, und ist doch eher Accessoire als „Herzensbezwinger“, denn:

„Es war modern, dass eine reiche Frau eine Freundin hatte, es gehörte zum guten Ton.“

Anders als zum Beispiel Bobby, das „typische, ausgelassene lebensfrohe Mädel aus Berlin W“, gehört die gute „schwerblütige“ Erika natürlich auch gar nicht in solche Gesellschaft, sondern sehnt sich nach ihrer Ruth. Diese allerdings lebt bald verheiratet in Wien, wo es ein letztes Wiedersehen gibt. Betont tragisch endet die Geschichte: Erika verliert mit ihrer Geliebten auch jeden Job und Halt. Und doch wissen die beiden, dass sie einander lieben… Was den Romans noch heute lesenswert macht, ist, wie er der Freiheit der Subkultur-Nischen den gesellschaftlichen Repressionsdruck gegenüberstellt.

Der Roman ist wieder erhältlich, man kann ihn aber auch online lesen bzw. runterladen.

  • Grete von Urbanitzky (1891 – 1974): Der wilde Garten, Leipzig, 1927
Grete v. Urbanitzky

Grete v. Urbanitzky

Die Schriftstellerin und Dichterin Grete von Urbanitzky veröffentlichte zwischen 1911 und 1943 ganze 30 Bücher. „Der wilde Garten“ gilt noch immer als der bekannteste Lesbenroman aus Österreich (Belehrt mich eines Besseren!) und erzählt in bildreicher Sprache von den Wirrnissen der Jugend und der Liebe. Der Roman wendet sich gegen die verlogenen bürgerlichen Moralvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert, die in den 20er Jahren einer völlig gegensätzlichen Realität gegenüberstehen. Die jungen Mädchen sollen zu absolut trieblosen, auf die Heirat ausgerichteten Wesen erzogen werden und reagieren mit Rebellion, hysterischen Anfällen oder zerbrechen gänzlich an dem Unverständnis ihres Umfelds.

„Versprechen Sie mir, dass Sie dem wilden Garten treu bleiben!“

Im Mittelpunkt des Romans steht die Lehrerin Fräulein Dr. Südekum, die in einer Schule mit „wildem Garten“ unterrichtet und eine Schülerin ganze besonders in ihr Herz geschlossen hat, welche inzwischen das letzte Lehrjahr absolviert. Eine ganze Gruppe von jungen und älteren Menschen werden mit ihren Sorgen und Sehnsüchten vorgestellt. Die lesbische Sexualität wird als eine Möglichkeit der persönlichen Erfüllung dargestellt. Während das Fräulein trotz homoerotischer Fantasien sich ganz dem Lehren und der Fürsorge widmet, findet ihre Lieblingsschülerin das Glück mit der Künstlerin Alexandra. Auf einer exotischen Insel erlebt das Paar zügellose Nächte, die in üppigen Bildern beschrieben werden – was völlig im Kontrast steht zu der strengen Atmosphäre in der restlichen Geschichte, die sich vor allem in der Schule, einem Krankenhaus oder in kleinen Wohnungen abspielt. Der „wilde Garten“ ist also einerseits die Schule, in der die Mädchen die verwirrenden Erlebnisse der Pubertät durchleben, andererseits aber auch die paradiesische Urlaubsinsel. Auch wenn die Lehrerin ihre Schülerin schweren Herzens ins Leben entlassen muss, hat der Roman ein erstaunlich optimistisches Ende: Es ist gerade das lesbische Paar, das der Enge von überholter Moral und Kleinstadtkontrolle entkommt!

Auch diesen Roman kann man kostenlos downloaden oder antiquarisch bekommen.

Christa Winsloe

Die Verbreitung von lesbischen Büchern und Zeitschriften war nur von kurzer Freude. Die Zeiten änderten sich schnell. Andere Autorinnen mussten ihre Romane schon im Exil veröffentlichen. So konnte beispielsweise Christa Winsloe mit dem Theaterstück „Gestern und heute“ und dem daraus entstandenen Film „Mädchen in Uniform“ 1931 große Erfolge feiern, während das Buch zum Film, „Das Mädchen Manuela“, zwei Jahre später bereits im Ausland erschien. Alle drei hier vorgestellten Romane wurden von den Nazis nach 1934 auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gestellt, also verboten – und erst von der Frauen- und Lesbenbewegung der 70er wieder entdeckt und veröffentlicht. Mit den früheren Erfolgen konnten die Neuausgaben jedoch bei weitem nicht mithalten.

Für die (Bild)Quellen bitte auf die Fotos klicken.

3 Comments

  • Reply Stephanie Mayfield 8. November 2010 at 11:22

    In meinem Keller liegen jeweils ca. 20 ungelesene Ausgaben der hier vorgestellten Bücher (bis auf Skorpion Band 3: Vergriffen), da ich einen Großteil des noch existierenden Bestand des Feministischen Buchverlags von Anke Schäfer (die ja die Bücher wieder herausbrachte) übernommen habe. Alle Bücher sind ungelesen, teilweise durch die Lagerzeit und Lagerung nicht mehr „neu“.

    Bei Interesse einfach eine E-Mail an mail[at]stephanie-mayfield.de. Preis *ähm*: 5,00 € pro Buch, ab 2 Büchern Versandkostenfrei.

  • Reply Osée 27. September 2015 at 20:15

    Ich versuche mich verzweifelt zu erinnern, wie der schwule Freund und potentielle Erzähler heißt im Skorpion. Jetzt ist es mir eingefallen: Peterchen.
    Die undurchsichtige Erzählperspektive wurde leider nie bearbeitet. Ist der schwule Freund das alter ego von Mette? In zeitgenössischen lesbischen Liebesromanen (bspw. Eliza Lentzki Bittersweet Homecoming) trifft man immer wieder auf einen schwulen Freund, der Ratschläge in Liebes- und Lebensbewältigung gibt, wenn die Lesbe in Not gerät.
    Ist dann der Roman aus einer männlich schwulen Perspektive zu lesen? Liegt es vielleicht an der Literatur der französischen Dekadenz, in der schwule Männer den Code Lesbierinnen erfanden, um ihre Gefühlswelt auszudrücken, die als einzige Referenztexte da Kraft-Ebbing diese Lesbierinnen in der Literatur als reale Fälle ausgab, zur Verfügung standen.
    Das erste Buch, das sich Mette von Olga ausleiht ist von Walt Whitman, der männliche Homosexualität, den männlichen Körper und Männerfreundschaften preist.

  • Reply Nadin 27. September 2015 at 21:06

    Danke, Osée, für die interessanten Gedanken. Eine schwule Perspektive hat Weirauch auf jeden Fall sowohl von Autoren als auch Freunden gekannt. Wenn ich mich recht erinnere, funktioniert der Erzähler, der ja behauptet nicht Peterchen zu sein, aber eher zur Distanzierung der Autorin vom immerhin heiklen Text.
    Und der schwule Kumpel in der Unterhaltungsliteratur entspringt ohne Umwege über die Literaturgeschiche wohl einfach der Realität 😉

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