Filme Kultur Queer Life

Beauty Pressure – Die Mär vom perfekt sein

20. September 2010


Berlin-Mitte. Wohin ich sehe, dünne Frauen, karikiert wirkend, neben rundlicheren Touristinnen, die mit Rucksack über die Bürgersteige schlurfen, während die „moderne Frau“ mit ebenso modernem Kinderwagen an ihnen vorbei hetzt. Vorbei an Touristen und vorbei an den Hipster-Mädchen an der Ecke. Ebenso dünn, Hut auf dem Kopf, weite Klamotten, die Zigarette in der Hand und die Vermutung liegt nah, dass das Nikotin gerade die nächste Mahlzeit ersetzt.

80-50-80 ersetzt das alte 90-60-90 und gilt weiterhin für jede Körpergröße, das Haar hat voll zu sein und glänzend schön und der Rest des Körpers hat bitteschön enthaart zu sein, wenn nicht gar glatt gelasert. Und die restlichen Sorgen? Wozu gibt es Schönheits-OPs. Lass es wegmachen und niemand hat es ja gesehen.

Dove Werbekampagne von 2007. Über Dove lässt sich streiten, über das Video nicht.

Es läuft etwas falsch, wenn Freundinnen von mir versuchen sich tagelang nur von Vitamin-Tabletten zu ernähren um dünner zu werden oder ich von Sekt-Yoghurt Diäten höre.

Es läuft etwas falsch, wenn ich einen Kinotrailer auf Youtube für den neusten Film mit Vanessa Paradies sehe und keines der Kommentare sich auf den Film bezieht, sondern auf ihre Zahnlücke und warum sie sich das „hässliche Ding“ nicht hat wegmachen lassen.
Es läuft etwas falsch, wenn Peaches Geldorf sich mit Kleidergröße 36 für ihre „Kurven“ verteidigen muss und Jessica Simpson als „fette Kuh“ betitelt wird.

Es läuft etwas falsch, wenn Christina Hendricks sich Sätze wie „You don’t put a big girl in a big dress‘ von Journalisten der New York Times, zu ihrem Auftritt bei den Golden Globes gefallen lassen muss.
Und es läuft erst recht etwas falsch, wenn diese Frauen, sobald sie mit ihren „Kurven“ Geld gemacht haben, diese nicht verlieren dürfen.

Jessica Simpson: „People come up to me and say ‚Wow you are really not fat!‘ and I say: ‚Yeah well, thanks!'“

Du machst mit der Figur Geld, mit der du eingestiegen bist. Solltest du irgendwann einmal abnehmen, wirst du als Heuchler dargestellt, wie zum Beispiel Jennifer Hudson, die nach der Geburt ihres Kindes eine ganze Menge abnahm. Ob sie einfach gesünder gelebt und Sport getrieben hat, ist hier egal. Sie sieht nicht mehr wie vorher aus, sie muss ein komplett anderer Mensch geworden sein.

Und man darf gar nicht daran denken, wieviele Angebote Gabourey Sidibe bestimmt schon bekommen hat, um sich vom Fernsehen live beim Abspecken filmen zu lassen.
Lassen wir Tyra Banks mal Tyra Banks sein, aber auch sie hat, nachdem sie aus dem Modelbusiness ausgestiegen ist, eine Menge zugenommen und sich dann dafür eingesetzt, dass sie einen ganz normalen Körper hat. Hatte sie auch. Und sie hat sich wohlgefühlt. Genauso wie sie sich jetzt sicherlich in ihrer wieder dünnen Variante wohl fühlt.

Wir müssen als Frau an so vielen Ecken und Enden um das Recht an unserem Körper kämpfen – und das geht dort schon los.
Wen interessiert, ob Pierce Brosnan ein Bäuchlein bekommen hat? Werden Badephotos von Robert Pattinson untersucht? Sehr selten!
Bei Frauen ist das gleich wieder Anlass für eine Extrausgabe: Die schlimmste Star-Cellulite!

Ich muss hier eigentlich gar nicht erst sagen, dass das leider nunmal das Leid des weiblichen Körpers ist. Wir bekommen als Frau, genetisch bedingt, leichter Cellulite als Männer und kaum eine Frau hat einfach mal gar keinen Bauchansatz, es sei denn sie hilft nach. Das ist Teil unserer Körpers, so sind wir gebaut. Und das wissen Frauen und trotzdem werden sie, nicht mal nur berühmte Frauen, auseinandergerissen, wenn der geringste Makel entdeckt wird. Wir wissen es besser und sind trotzdem unserer eigener Feind, wie bei so vielem anderem auch.

Wir wollen sehen, dass Alyssa Milano kein Bäuchlein unter ihrem hautengen Kleid hat und auch gleichzeitig schadenfroh wissen, dass sie dadrunter Spanx trägt, um so makellos zu wirken. Wir wollen wissen, warum die Falten von Starlett XY plötzlich verschwunden sind, uns darüber echauffieren und dem Spiegelbild dann sagen „Die hat das Geld dafür. Die kann sich das wegmachen lassen. Ich bin eben arm dran.“ Und die, die es sich wegspritzen lassen, sehen den hohen Rechnungen von Schönheitsbehandlungen ins Auge und der Tatsache, dass es nicht für die Ewigkeit ist, sondern nur temporär.

Wir sind es, die sich mitziehen lassen und selbst, wenn wir es nicht tun, tun es andere für einen und werden nicht müde einem mitzuteilen, diesen oder jeden neuen Makel entdeckt zu haben – um zu helfen. Wenn es denn Freunde sind.

Aber was bringt uns das? Wozu unterwerfen, wenn wir uns wohlfühlen? Wenn wir wissen, dass wir gesund sind? Dass wir vielleicht gerne genießen und momentan keine Lust auf Sport haben, aber trotzdem leben?

Ob Kate Moss glücklich ist mit ihrem immensen Drogenkonsum und dem Mantra, dass kein Essen einen so glücklich machen kann, wie dünn sein? Ob Victoria Beckham es wohl leid ist, ihre Figur mit der ständigen Fisch-Obst Diät zu halten?

Wir haben keine Verpflichtung vor irgendwem irgendwie zu sein, nur die Verpflichtung so zu sein, dass wir uns mit uns selbst wohlfühlen.

Dünne Frauen sind schön. Kurvige Frauen sind schön. Frauen sind schön! Die Hauptsache ist, dass man gesund lebt, sich wohl fühlt und über den eigenen Körper selbst entscheidet und ihn liebt. Cellulite, abstehende Ohren, hängebde Brüste, Falten, Pickel, Dehnungsstreifen und was es da nicht noch so gibt beiseite.

Es zählt, was man selbst damit macht. Und nicht die anderen.
Oder zumindest sollte das so sein.

2 Comments

  • Reply Nadin 21. September 2010 at 11:58

    Guter Artikel!
    Selbstbewusstsein zum Downloaden: das ist doch mal ein Fortschritt 😀
    Ich bin ohnehin überzeugt davon, dass beispielsweise „Cellulite“ und „Schwangerschaftsstreifen“ eine vorsätzliche Erfindung der Kosmetikindustrie sind, die aus vormals namenlosen Körpermerkmalen eine Art Krankheit macht.

  • Reply Anja 21. September 2010 at 15:28

    Guter Punkt Nadin, und es muss möglichst furchtbar klingen – z. B. Krähenfüße! Kreisch! Gib mir schnell die Nummer deines Schönheitschirurgen!

  • Schreibe einen Kommentar