Kultur Politik

We all kiss for ice cream – Knutschdemo Schöneberg

10. Mai 2009

Ein Nachrichtensprecher sagte es gestern ganz richtig:
Wenn alle Demos so friedlich verliefen, wie die Knutschdemo gestern in Berlin Schöneberg, wäre die Welt ein Ort voller Liebe.

Aber für die unter euch, die von dem großen Spektakel gestern nichts mitbekommen haben, mal von Anfang an.
Im Berliner LGBT-Kiez Schöneberg, gibt es einen Eisdielenbesitzer, der hier seit 25 Jahren wohnt, Eis verkauft, der deutschen Sprache immernoch nicht wirklich mächtig ist, für Waffeln (so hört man) einen Aufpreis verlangt und dann auch noch Homos aus seinem Laden verscheucht, anpöbelt und sich weigert sie zu bedienen.

Das klingt unglaublich, skandalös und geradezu verrückt. Warum sollte jemand homophobes dann gerade in diesem Bezirk einen Laden aufmachen und eine Existenz daran verknüpfen?
Die Bloggerszene munkelte – vielleicht hatte sich sein Sohn ja jüngst als schwul geoutet?– und die Gayszene fackelte nicht lang, erstattete Anzeige, hisste die Fahne und rief zum Gruppenkuscheln auf.
Lesarion, gayromeo, twitter und ganz altmodisch Mails – mit dem Internet wurde eine Spontandemo möglich, die man sich zu Zeiten von Handzetteln nur hätte erträumen können.

Knutschdemo, Kiss-in, wie auch immer man es nennen wollte, es war zumindest voll. Zeitungen schätzen, dass sich bis zu 2000 Menschen dort versammelten. Wer selbst da war, packt gerne noch gefühlte 1000 mehr rauf.
Während die Polizei die Straße sperrte und auch nur da war, weil die Demo spontan und nicht angemeldet war, lief dem Eisdielenbesitzer wohl schon ein wenig Schweiß die Stirn herunter.
Wir kamen nicht mit Steinen, Fackeln, Feuer, wir kamen mit Liebe! Einer riesigen Menge an regenbogenfarbiger, fluffiger, fernsehkameralastiger, homosexueller Liebe!
Und obwohl sich um 14 Uhr weitaus weniger Frauen und Männer küssten, als ich mir das so erhofft hatte, verfehlte das ganze seinen Zweck nicht.

Ein Missverständnis sei das alles, sagte er schließlich zu der Menge und ging unter den ständigen Buh-Rufen unter.
Die Menge schrie im Chor „Eisboykott“ und Privatleute gingen mit riesigen Tüten voller kleiner Eis am Stiel herum – umsonst, natürlich.
Bespaßungsmusik setzte an und an jeder Ecke lief am Gefahr in eine Kamera zu laufen.
Die Eisdiele schloss und viele, die kein Frei-Eis abbekamen, gingen schnell um die Ecke um doch noch ein Eis zu essen – zur Freude der Eisdielenbesitzer, die, wie alle anderen an diesem Tag im Kiez, die Regenbogenfahne sichtbar und groß gehisst hatten.
Und der Pizzariabesitzer neben dem Ort des Verbrechens, der seine Mitarbeiter an diesem Tag mit T-Shirts mit der PACE-Fahne drauf eingekleidet hatte, freute sich über den Appetit der sich langsam lichtenden Reihen.
Er machte das Geschäft seines Lebens und wird begriffen haben, was Popstars schon lange wissen:
Wer uns auf seiner Seite hat, hat Fans fürs Leben.

Haben wir gesiegt? Oder wurden wir wirklich „eiskalt abserviert“? Was meint ihr?

Wollen wir einfach hoffen, dass wir in den nächsten Jahren weniger Demos organisieren müssen, obwohl diese, so erst die Sache an sich auch ist, ja immer einen gewissen Spaßfaktor haben.

Bleibt nur noch eine Frage: Warum hat die BILD-Zeitung darüber nichts online?

3 Comments

  • Reply “Wir kamen nicht mit Steinen, Fackeln, Feuer, wir kamen mit Liebe!” « Steven Milverton 10. Mai 2009 at 21:02

    […] We all kiss for ice cream – Knutschdemo Schöneberg […]

  • Reply Anja 11. Mai 2009 at 08:58

    Schöne Zusammenfassung 🙂 Schade, dass ich nicht dabei sein konnte, aber klingt als wär’s echt ne schöne Aktion gewesen.

  • Reply MeL 13. Mai 2009 at 20:50

    Klingt spannend, danke für den Augenzeuginnenbericht. 🙂 Schön auch, dass doch ziemlich ausführlich darüber berichtet wurde, schade nur, dass solche Aktionen immer noch erforderlich sind, weil einige Leute es immer noch nicht kapiert haben – lieben und lieben lassen!

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