L-Mag Ranting - Mein Standpunkt zum Anne Will Thema
11. Januar 2008 von Charly
Abgelegt in Entertainment
ranting: eng. für schimpfen, sich ereifern
Gestern Nacht hab ich es doch tatsächlich getan: Ich habe das L-Mag abonniert.
Da ich eh alle zwei Monate dieses Meisterwerk queerer, journalistischer Arbeit aus dem Kioskregal ziehe und mich jedes Mal ein wenig dafür schäme, wie schlimm die Cover aussehen, habe ich es jetzt doch geschafft online (wer macht sowas schon auf dem Postweg?!) ein Abo abzuschließen.
Gut, ein wenig hab ich mich heute morgen schon erschrocken, aber dafür hab ich jetzt regelmäßig einen “unauffälligen, braunen Umschlag” im Briefkasten. Wer fühlt sich noch an etwas erinnert?
Ja. Genau. Leider Allem Anschein nach, werden sich wohl auch keine Sextoys in diesem Umschlag befinden.
Aber gut, es geht mir hier ja gar nicht um den Umschlag, sondern um die jetzige L-Magausgabe und vor allem das Thema Anne Will.
Zu allererst muss ich wohl etwas klarstellen:
Ich finde das L-Mag zwar nicht mehr so schlimm wie zu dem Zeitpunkt, als es in den Kinderschuhen steckte, aber ein wenig frage ich mich immernoch, ob es das Geld wert war.
Warum ich es mir dann kaufe und sogar abonniere?
Weil es nichts anderes gibt. Das ist leider die traurige Wahrheit.
Denn Manuela Kays (Chefredakteurin) Aussage, dass das L-Mag das „erfolgreichste Magazin für moderne Lesben“ ist, finde ich fast frech.
Das L-Mag ist Platzhirsch, wird es, wie es aussieht, wohl noch eine Weile bleiben und wir alle wissen ja, dass der Anreiz etwas tolleres, schöneres, besseres zu machen eher gering ist, wenn die Konkurrenz fehlt!
Auf dem Cover Deutschlands Next Top Lesbian Anne Will.
Nun müsste man davon ausgehen, dass sich ein lesbisches Magazin eingehend mit dem Coming Out des Medienstars befasst, es auseinanderreißt, analysiert, dreht und wendet und von allen Seiten beleuchtet.
Doch leider trifft nur der Begriff ‘befassen’ zu.
Schon auf der ersten Seite auf der die ‘L-Mates’ (Frauen, die für das L-Mag arbeiten) vorgestellt werden, gleich neben einem schlechtgezeichneten Comic und den einleitenden Worten der Chefredakteurin Manuela Kay, springt die Zeitschrift auf den eh schon nervigen Zug von Namenswitzen auf:
“Für L-Mag fragte sie sich von Ost bist West durch die L-Szene und mutmaßt, was Anne will.”
Ächz.
Ich war von den Titeln der Zeitungen, die dieses Thema behandelt haben, eh schon genug genervt..
“Anne Will Frauen.”
“Anne Will Miriam”
“Anne Will ist lesbisch und das ist gut so!”
Ich erfinde mal eins dazu:
“Anne Will ihre Ruhe!”
Und ich auch, for that matter. Leider gönnt auch das L-Mag mir diese Ruhe nicht.
Als ich mich zum Anne Will Artikel durchblättere, stoße ich auf ein Bild von Daniela Sea, die für die L-Kampagne posiert. Diese Kampagne ist tatsächlich mal eine süße Idee.
Und obwohl ich ja grundsätzlich für die Freiheit jeder Frau bin, mit ihrer Körperbehaarung anzustellen, was sie will, so seh ich doch eher ungern, wenn mir selbige irgendwo beinahe entgegenspringen.
Aber Daniela Sea sieht ja grundsätzlich immer aus, als wäre sie gerade aus dem Bett ..oder von einem Berg gefallen.
(Daniela Sea spielt ab der dritten LWord Staffel Moira/Max und die Serie verfolgt ihre Wandlung zu einem Mann - mehr oder weniger gut. Daniela Sea hat außerdem bei “The Itty Bitty Titty Committee” mitgespielt. Ein Film der durchaus sehenswerter ist als ihre LWordrolle)
Ab Seite 12 wird das Anne Will Thema aufgerollt und die Zeitschrift beschäftigt sich die 4 Seiten lang mit diesem Thema. Unter dem Motto “Meinung statt Massenhysterie” gibt einen Pressespiegel und einen negativen und (angeblich) positiven Artikel.
Mich stört schon der Pressespiegel. Man bekommt Auszüge aus Presse und anderen Medien vorgesetzt, unkommentiert und darf sich seine Meinung selbst bilden.
Eigentlich ist da ja nichts gegen einzuwenden, aber warum kommen die Zitate alle aus einer Schiene?
Gala online, Bild, BZ, Brisant..und die taz darf auch mitspielen. Warum?
Die Auszüge sind größtenteils lächerlich oder Anne Will kritisch bis angreifend.
Die nächsten drei Seiten beschäftigen sich mit diesem Thema und auch mit dem Interview, was Manuela Kay welt-online gegeben hat.
Sicherlich, das, was die Redakteurinnen da geschrieben haben, lässt sich nicht von der Hand weisen. Es ist ein Wehrmutstropfen, dass es ein Outing in der Bild am Sonntag war, es ist schade, dass sie das Offensichtliche so lange verschwiegen hat, und dass sie allem Anschein nach keine Lust hat die deutsche Rosie O’donnell zu werden, ist bedauerlich.
Aber worüber sich die Schreiberinnen hauptsächlich aufregen ist folgendes:
Sie hat dem L-Mag kein Interview gegeben, will es auch nicht tun und es war wohl sogar schwer ein Coverfoto zu bekommen. Und das schlimmste: Das Coming-Out fand nicht im L-Mag statt! Oh, Überraschung!
Das L-Mag versucht nicht einmal objektiv zu sein, es ist…beleidigt.
Und welche Position sich das L-Mag auch immer schon erkämpft haben sollte, mit diesem unseriösen und teilweise klischeehaft weiblichen Verhalten, haben sie sich selbst heruntergestoßen.
Denn niemand, der auch nur bisher in Erwägung gezogen hatte, sich dort zu outen, muss nun damit rechnen von dieser Zeitschrift von hinten rum fertiggemacht zu werden und wird von diesem Plan Abstand nehmen.
So sehr die L-Magredaktion auch enttäuscht gewesen sein mag: In einer Berichterstattung, die immer darauf angelegt sein sollte objektiv zu sein, damit der Leser sich seine Meinung bilden kann, sind Artikel wie diese im höchsten Maße unprofessionell.
Jede Spekulation ob Anne Will nun erpresst wurde, sich in der Bild am Sonntag zu outen, halte ich für abwegig. Auch, dass sie ihre Show, die eh gut lief, pushen wollte. Ich denke, dass für die gute Frau Will bei der Sache auch eine Menge bei rausgesprungen ist - und zwar nicht nur Schlagzeilen.
Immer wieder fragt man sich in den Artikeln, ob ihre Karriere eine andere gewesen wäre, wenn sie von Anfang an offen lesbisch gewesen wäre. Sicherlich, das kann keiner beantworten.
Aber ich möchte meinen, dass Frau Will das Coming-Outdrama um Ellen DeGeneres damals wohl mitbekommen hat und wenn nicht das, jedes andere, das es bisher gegeben hat.
Man weiß nie was passiert, wenn man sich outet, schon gar nicht in den Medien. Es ist mutig, vor allem ab einem gewissen Level im Berufslesben sein Outing offen und mit dem Wort “Lesbe” und “Partnerin” zu machen. Aber meiner Meinung nach erfordert es noch mehr Mut, es einfach zu leben, sich eben nicht im Büro auf den Stuhl zu stellen und es über alle Köpfe zu brüllen.
Denn das ist schnell vorbei und zieht schiefe Blicke nach sich.
Es erfordert mehr Mut nicht zu lügen, wenn eine Kollegin fragt, was man am Wochenende macht und einfach zu sagen, dass man mit seiner Freundin/Partnerin wegfährt. Und es ist die Königsklasse des Outings seine Partnerin selbstverständlich als seine Begleitung mit auf berufliche Veranstaltungen zu nehmen. Denn je selbstverständlicher die eigenen sexuellen Präferenzen sind, desto selbstverständlicher werden sie für die eigene Umgebung und für die Gesellschaft.
Wie auch immer man es macht, das ist jedem nachwievor selbst überlassen.
Es ist wahr, wir haben nicht viele “sexy, erfolgreiche” Lesben in den Medien, zu denen eine junge Lesbe aufblicken kann, der man nacheifern kann. Das ist schade, ja. Auch, dass es eben “sexy, erfolgreiche, vor allem aber sexy” Lesben sein müssen. Aber wie bei so vielem, wird das noch ein paar Jahre dauern. Denn ich bin definitiv der Ansicht, dass es keine Medienskandale braucht, damit diese Entwicklung schneller vonstatten geht.
Es ist wie mit der Gleichberechtigung der Frau: Man muss klein Anfangen, es muss sich etwas in den Köpfen der Menschen ändern.
Ich persönlich sehe Anne Will als kein Vorbild für mich was ihr Outing angeht. Aber ihre Karriere ist vorbildlich und vor allem diese sollte für uns als Vorbild dienen.
Und ganz ab von Anne Will, sehe ich viel mehr zu einer Frau auf, die ganz selbstverständlich und stolz mit ihrer Sexualität lebt, anstatt jeden daran teilhaben zu lassen.
Bleibt noch zu sagen: Anne Will ist keine Jodie Foster, denn die hat ihr Coming-Out so verschlüsselt in eine Rede eingebaut, dass sich jeder fragt, ob die Gute denn nun wirklich ‘out’ ist. Sie ist auch keine Kate Moennig, die mit Paris Hilton feiert und sozusagen im Rausch in ihr unfreiwilliges Coming-Out schliddert.
Anne Will hat zwar nicht das ‘L-Wort’ benutzt, aber doch endlich das Wort Partner in Verbindung mit ihrer Freundin.
Und die Nachrichten über ihr Outing schafften es in der Szene bis in die USA. So oder so, es ist eine große Sache.
Ob Anne Will nun eine Vorbildlesbe ist, sei dahingestellt. Das was sie erreicht hat jedoch, ist durchaus vorbildlich.
Und die Redaktion der L-Mag sollte aufpassen, dass sie nicht die lesbische Variante der Emma-Redaktion wird, die sich ja bekanntermaßen gerne schützend und gackernd vor ihre Chefredakeurin wirft.
Denn jetzt schon wirkt die L-Mag teilweise wie eine Schülerzeitung: Hauptsächlich von einer Person geschrieben bzw. von deren Meinung geprägt.
Es ist beides noch ein langer Weg. Sowohl hin zu einer Gesellschaft in der Lesben genauso angesagt sind wie Schwule und in der wir alle Rechte zugesprochen bekommen, die Heterosexuelle haben, als auch für das L-Mag hin zu einem gehobenen Magazin, dem jeder in Interviews gerne Rede und Antwort steht.


Anonymous am 31. Oktober 2008, 17:42
Endlich!
Auch ich habe ein L-Mag Abo und frage mich sehr oft “wieso eigentlich”. Nicht nur die Titel sind wenig lecker auch die Damen der “stylischen” Fotostrecken sind mehr und mehr erschreckend….
Wie unprofessionell und wenig objektiv das Ganze ist entbehrt wirklich jeder Beschreibung.
Vielleicht sollte man wirklich mal zum Gegenangriff blasen ;o)
…Der größte Schock dann vor ein paar Monaten, als ich die Doku von Rosa v. P. sah, in der die Chefredakteurin der L-Mag mich auch noch visuell ….ähm “irritierte”…..
….
NATÜRLICH wollte ich schon oft mein Abo canceln….aber: die nächste Ausgabe wird sicher besser …GANZ bestimmt…ansonsten wirds dann wohl die Curve.